Wilhelm Strauch: Eine kleine Erlösungsgeschichte.

„Erst aussteigen lassen, dann einsteigen!“ hat sie gesagt, dann schob sie sich in den Bus, noch bevor sich die Türen geöffnet hatten.

Der  Busfahrer hat eine goldene Feder am Ohrläpppchen. Er befreit sich unter Aufbietung von Kräften aus seinem Busticketkäfig und holterdipoltert den Gang entlang zur Türe des Fahrzeugs. Er stöhnt kurz, zieht an zwei kleinen Metallösen im Boden und klappt eine Zugbrücke aus Eichenholz nach außen.

Der Rollstuhlfahrer betritt den Raum [Applaus].

Busfahrer ab.

Aus der hinteren Ecke, da wo die Coolen sitzen, löst sich unvermittelt ein Schrei: „Hey! Der ist ja querschnittsgelähmt, das ist voll schlimm!“ [Lautstärke: Ü30] „Ich hab immer voll Mitleid mit diesen Typen, Ey!“ Es schallt durch den Bus. Draußen blinkt der Schnee blau. „Alter, kann ich dir helfen? Du tust mir voll Leid, Digger!“

„Ich glaube, das ist nicht nötig, guter Mann: Man steht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Füße unsichtbar.“

„Wow! Das ist aus dem einen Buch, dass mir meine Mutter immer zum schlafen vorgelesen hat, gell? Die Blechtrommel, oder? Alter, du bist ja  voll krass drauf!“

Dann sehe ich aus dem Augenwinkel ausgestreckte Hände, die den Rollstuhlfahrer an der Stirn berühren.

Kurze Stille, gefolgt von Jauchzen und Frohlocken.

„Ein Wunder! Ich kann wieder sehen! Oh, welch unbeschreibliches Glück!“

Der Rollstuhlfahrer steht auf und moonwalkt aus dem fahrenden Bus.

Ein Gedanke zu „Wilhelm Strauch: Eine kleine Erlösungsgeschichte.“

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