Tibor Baumann: Volition – brennt hinter dem Rubikon

Er sagte: „nun“ Es gibt keine Entschuldigung. Ich erinnere mich gut, plastisch. Die Sonderausgabe wog schwer, limitiert, Fadenbindung. Es ist nur ein Schritt über den Fluss ohne Wiederkehr.

Wussten Sie: Es wird ein System entwickelt, um Autoren pro angefangener Seite zu bezahlen. Flatratelesen. Spannung ist die Motivation. Wie oft ein Spannungsmoment aufgebaut werden muss, wie viele Zeichen es braucht, bis der nächste Coitus Interruptus stattfinden muss, errechenbar. Dann schreibt man nur mit Ziel; Volition, klar so weit?

Mir war das nicht klar. Es tut mir so leid. Ich hatte schon immer Angst, dass ich einfach so – eines Tages – versuche sanft umzublättern, ein mir ganz kostbares, geliebtes Buch, eine Sonderausgabe; und ich bekomme einfach die Seite nicht zu fassen. Es geht einfach nicht. Und dann stehe ich auf, ganz ruhig. Stelle das Buch an seinen Platz, gehe hinaus – und zünde das Haus an.

Wussten Sie: zu verfassen kann sich an keinen Zweck binden außer der Tat. Klar soweit? Es ist nur ein Weg – nur Motivation; nie Volitation!

Und er…er sagte „nun“. Eine Phrase. Weniger! Eine Hülse; nur noch Betonung.

Ereignisse geschehen immer, wenn man sie liest. Aber verfasst man sie, ist es eine Tat: Ich hätte das nicht tun dürfen. „Nun“ – eine kalte Nadel durch weiche Membran. Mein Schritt über den Fluss.

Wussten Sie: für mein erstes Manuskript, haben sie mir angeboten, es zu beobachten. Das wilde Tier. Frei verfügbar auf einer Literaturplattform. Klar soweit? Klickklickklick – klickt es oft, dann ist es gut. Vielleicht druckwert. Neoliberalliteratur.

Er sagte „nun“ – und es klang beinahe antiquiert. Umblättern, zivilisiert, mit Ziel, kontrolliert: Das entglitt mir. Nur für einen kurzen Moment. Ich fühlte mich, als würde ich ganz plötzlich, ganz schnell meinen Kopf schütteln; so schnell, das ich nur noch ein Farbklecks bin – ohne, dass ich damit begonnen hätte. Ohne Anfang. Nur die Tat. Nur im Verfassen. Nur verfassen und suchen. Nur erfassen und die Ungreifbarkeit des Moments akzeptieren. Die Seite loslassen. Den Fluss ohne Umkehr übertreten.

Ich habe den Entwurf erklärt und er sagte: „Das klingt ja alles sehr spannend – wer ist denn nun die Zielgruppe?“

Ich habe das Buch genommen, bin zu ihm hinter den Schreibtisch – und habe ihm die Sonderausgabe so lange ins Gesicht geschlagen, bis die Treffer klangen wie Schritte im Matsch am Flussufer.

Es hat gebrannt und ich habe kein Wasser geschöpft um zu löschen.

Ein Gedanke zu „Tibor Baumann: Volition – brennt hinter dem Rubikon“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s