Christian Ihle: Lyrics und Punkmusik

„She Loves You / Yeah Yeah Yeah“ ist der Urtext der Popmusik und zeigt die Kunst, komplexe Gefühlswelten nachfühlbar auf eine Sloganhaftigkeit zu komprimieren.
Aber Popmusik – im breitesten Sinn verstanden – ist trotzdem mehr als der Sound, der Hook und der simpelste Refrain der Welt. Nicht nur können Lyrics einen völlig anderen Zugang zu einem Song eröffnen, auch der Kontext, in dem – und für den – ein Song entstanden ist, trägt zur Welt dieses Liedes bei.
Was mich angeht: aus der Punkidee kommend würde ich für mich sogar sagen, dass die Musik eine untergeordnete Rolle spielt, wenn ich mir Relevanz eines Popsongs überlege.
Die musikalische Begleitung wirkt sicher direkter, aber auch subjektiver. Wollen wir aber mehr von Popmusik als Radiogedudel, dann dürfen wir Songs nie nur auf ihre Musik reduzieren.

Hier halte ich es mit dem amerikanischen Autor Greil Marcus, der in „Lipstick Traces“ – seiner legendären Abhandlung über die Subkulturen des 20. Jahrhunderts – genau diese Untrennbarkeit von Lyrics, Attitude und Musik herausarbeitet. Beispielhaft demonstriert an der Frage, warum Punk seine Bedeutung hatte und was Punk von New Wave unterschied:

„New Wave war nicht Punk ohne Schockeffekt, sondern Punk ohne Bedeutung.
Punk dagegen war nie ein musikalisches Genre, sondern ein Moment in der Zeit, eine Aussage, die weder mit Worten noch Akkordfolgen allein hätte ausgedrückt werden können.
Wenn also das Interessante an Punk etwas anderes ist als seine Funktion als „musikalisches Genre“ dann gibt es auch keinen Grund, Punk so zu behandeln.“

Punk ist also – dank seiner Lyrics und der in Texten und dem Auftreten steckenden Attitude – weit mehr als schnelle, laute oder aggressive Musik. Selbst im Klischee, dass Punk nur drei Akkorde hat, steckt mehr als die reine Beschreibung seiner Musik. Denn die Bedeutung von Punk ist, dass auch mit minimalistischen musikalischen Mitteln so viel gesagt werden konnte, dass die Musik also von jedem spielbar war, damit jeder eine Stimme hatte. Diese Stimme sind die Lyrics und ihre Haltung zur Welt.
Und deshalb sind die Lyrics der Schlüssel, nicht die Musik:
Anarchy In The Uk / Yeah Yeah Yeah.“

Sprecher: Andi Dollinger

Katja Engelhardt: Troye Sivan und der Sex in der Popmusik

Das angebliche Erfolgsrezept von Popmusik ist ihr universeller Charakter. Demnach ist ein Popsong dann erfolgreich, wenn sich besonders viele Menschen mit ihm identifizieren können. Daraus folgt: Texte von Popmusik sollten die Hörer nicht ausschließen. Im Idealfall ist das love interest bei Liebessongs immer ein „you“ – also ein „du“, kann dann prima Mann oder Frau sein und die Herzen aller Hörer beginnen ganz schrecklich aufgeregt zu pochen, weil sie gerade ihre Romanze in der Schablone Liebessong aufgehen sehen.

Es ist also nicht allzu unlogisch, dass es so wenige queere Lyrics in Popsongs gibt. Immerhin müsste der Künstler oder die Künstlerin erstens überhaupt Lust darauf haben, die eigene Vorliebe zu thematisieren – und hätte Elton John das zu Beginn seiner Karriere gewollt? eher nicht. Zweitens müssten die Künstler*innen sich das trauen. Und drittens: Würden sie theoretisch auf eine Gruppe von Hörern verzichten. Nach den Gesetzen des allround universellen Pop. Zumindest wird die Beziehung zwischen Interpreten, lyrischem Ich und Konsumenten erschwert.

Troye Sivan hat dieses merkwürdige Konstrukt herausgefordert. Und das wirklich sehr schlau: Queer und kompatibel.

Eine der Singles zu seinem Album „Bloom“ ist der gleichnamige Song – Bloom. In dem es um Analsex geht. Und die war Radiomaterial. Troye Sivan ist offen schwul, mit dem Wissen im Hinterkopf geht als also auf jeden Fall um Analsex von zwei Männern miteinander. Aber verpackt in Codes. Troye Sivan will jemandem seinen „Garten zeigen“, da soll Gas in den Motor fließen, die Fontänen sprudeln, alles dabei. Und der Titel Bloom, also blühen, ist das sich öffnen, was dafür notwendig ist. Und weil Troye Sivan singt, er blühe nur für seinen Counterpart, wissen wir gleich sehr viel mehr über sein Sexleben als ich nach jahrelangem Fan Girling über das von Britney Spears. Einfach so.

Weil „Bloom“ eben in Codes erzählt wird und mit viel Popdrama und Melodie ummantelt ist, checkt man nicht so schnell, dass es um Analsex geht. Und genau das erhöht natürlich auch die Chance, im Mainstream-Radio zu landen.

In anderen Songs streut Troye Sivan sehr gezielt immer wieder männliche Pronomen ein und lässt uns wirklich nie daran zweifeln, dass er auf Männer steht: „My boy like a queen“ im Song „Lucky Strike“ – den Song „Animal“ nennt er sogar selbst eine Ode „an den boy, den er liebt“. Das heißt auch wenn im Radio jegliche Queerness überhört wird, klären diese männlichen Personalpronomen in den anderen Songs auf dem Album restlos auf.

Bei allem gesellschaftspolitischem Mut, kommt trotzdem nie das Gefühl auf, dass Troye Sivan schockieren wollen würde. Er will niemanden überzeugen. Das hier ist kein Agit Pop. Troye Sivan tut einfach nur das, was weirder Weise oft viel radikaler ist: Er ist ehrlich. Männliche Pronomen und Zuschreibungen fallen bei ihm nämlich meistens dann, wenn es um Sex geht und, nun ja, da ist ja nun mal ein Unterschied, ein physischer. Würde der verschwiegen, dann wäre der Text eines offen schwulen Mannes nur weniger authentisch. Überhaupt: Die Regel des universellen Pop scheint schlecht gealtert zu sein. Taylor Swift ist sehr erfolgreich und verweist in ihren Texten ständig auf ihr Privatleben, das ist auf die Fans zugeschnittene Gossip Verwertung und funktioniert 1a. Dabei können sich die allerwenigstens damit identifizieren eine bildschöne weiße blonde Frau zu sein, die von anderen Promis in tweets kritisiert wird. Pop muss nicht universell sein, indem er immer schön vage und uneindeutig getextet ist. Die verbindende Kraft von Pop sollte 2019 nicht sein, dass alle alles hineininterpretieren können.

Vielmehr sollten Popsongs so individuell wie möglich sein, aber so gut gemacht, dass wir alle verstehen und mitfühlen können, egal von wem der Song kommt. Damit wir uns alle über diese Geschichten besser kennenlernen und vermeintliche Gräben zwischen uns überwinden. Dann erfüllt Pop sein Potential zu verbinden nämlich wirklich – nicht als Klebstoff innerhalb einer Gruppe, sondern zwischen uns allen.

 

Sarah Grodd: Agathe Bauer und der afrikanische Regen

Hach ja, „Africa“ von Toto.

Tief im kollektiven Gedächtnis gleich mehrerer Generationen verankert. DER Grund für eine heisere Stimme am Morgen nach einer eskalativen Party. Sobald der erste Beat einsetzt, kann jeder den Songtext aus dem tiefsten Inneren hervorkramen. Absolute oder zumindest relative Textsicherheit wie aus dem Effeff. Und spätestens beim Refrain lässt sich auch der Letzte im Raum vom inbrünstigen und durchaus misstönigen Mitgrölen des Nebenmannes mitreißen. „I bless the rains down in Africa.“ Welch ein lyrisches und zutiefst eingängiges Stück Musikgeschichte. Ja, ein regelrechter Party Hype hat sich in den letzten Jahren um diesen 80s Smasher neu entfacht. Konkret: 1982. In diesem Jahr hat der Song das Licht der Musikwelt erblickt. 1982, also drei Jahre vor Live Aid, DEM legendären Wohltätigkeitskonzert zugunsten Afrikas. Hat David Paich, der Kopf von Toto, da etwa drei Jahre vor Live Aid einen musikalischen Stein der Wohltätigkeit ins Rollen gebracht? Weit gefehlt. Dass in „Africa“ der afrikanische Regen gesegnet wird, zieht irgendwie unbemerkt vorbei. Oder zumindest wird der Text nur äußerst selten hinterfragt. Ob das damals in der Generation unserer Eltern noch anders war? Hat der Bedeutungsverlust der Worte vielleicht erst mit dem Generationenwechsel eingesetzt?

Wir schreiben 2019. Aus heutiger Zeit hat Paich maximal halbherzig die gesellschaftliche Kritikkeule geschwungen. Paich : ein weißer Mann, der versucht, einen Song über Afrika zu schreiben, selbst zu dem Zeitpunkt aber noch nie dort war. Der all seine Inspirationen aus einer UNICEF Werbung im Fernsehen und aus Erzählungen eines Freundes zieht. Skurril. Und natürlich dreht s ich der Song nicht nur um den afrikanischen Regen. Nein, auch die tiefe Liebe zu einer Frau wird selbstverständlich thematisiert. Ein zauberhaftes Potpourri wirrer Erzählstränge.

Aber zurück zum afrikanischen Regen. Und zur eskalativen Party. Zurück zur heutigen Zeit. Jeder DJ, der etwas auf sich hält, hat „Africa“ in seinem auserlesenem Musikrepertoire. Und jeder DJ, der noch mehr auf sich hält, stimmt diesen Song akkurat auf den Pegel seiner Tanzgemeinde ab. Irgendwann am Abend ist es dann sowe it: die alkoholische Grundlage wurde gelegt, die ersten Töne von „Africa“ erklingen, die Whoo-Girls stürmen auf die Tanzfläche und Stimmung und Pegel erreichen gleichzeitig ihren Peak. Danach: glückseliges Kollektivtaumeln. Angekratzte Stimmbänder. Bierdurchtränkte Shirts. Spuckefetzen des Nebenmannes im eigenen Gesicht. Mitgesungen hat hier jeder, aber wen kratzt da eigentlich die Textbedeutung bei „Africa“? Und überhaupt, welche Rolle spielt schon die Lyrik in der Musik?

Das hier sollte eigentlich eine Hommage an musikalische Lyrik werden. Eine Hymne auf Lyrics. Ein Appell an jeden Einzelnen, doch mal wieder mehr auf die Texte der Lieblingssongs zu achten. Doch was passiert, wenn sich die Bedeutung eines Songs durch das aufmerksame Hören des Textes plötzlich ändert? Wenn man sich dann nicht mehr sicher ist, ob „Africa“ damals eine politische Message hatte oder einfach nur ein richtig guter Partysong ist. Oder wenn etwa im Schnulzen-Klassiker „Every Breath You Take“ von The Police aus der Erzählung eines liebestollen Mannes plötzlich ein verstörendes Bild eines Stalkers wird.

Vielleicht ist es doch ganz sinnvoll, wenn Künstler ihre Songtexte eben nicht erklären; den Interpretationsspielraum ganz bewusst offen lassen. Wenn man sich nicht zu viele Gedanken über die Lyrics macht, stattdessen einfach die Melodie genießt und Fantasieworte mitsummt. Spätestens auf der nächsten Party kommt der Punkt, an dem du dich selbst fragen kannst, wie textsicher du bist. Wie textsicher du sein willst. Dann kann Snaps Klassiker „I´ve Got The Power“ auch ganz schnell zu „Agathe Bauer“ mutieren. Oder statt bei Eurythmics´ „Sweet Dreams Are Made Of This“ auch mal „Sweet Dreams Are Made Of Cheese“ verstanden werden. Und weißt du was? Das ist vollkommen okay.

Juliane Kling: Der Film noir

Mord und Gesetzlosigkeit, Schatten und Verlorenheit. Fern vom Licht, zwischen Nebel, Dunst und Finsternis, ragt der Höllenschlund der Großstadt. Dort im Regen treffen sie sich, die Figuren aus dem Film noir, finden sich wieder in diesen dunkelsten Ecken der menschlichen Existenz, wo sie schließlich doch nichts anderes erwartet als Verderben.

Film noir, der „schwarze Film“, was ist das für ein Genre, das – wenn man es überhaupt so nennen kann – die Filmgeschichte seit Jahrzehnten durchzieht und einige der bemerkenswertesten Werke der internationalen Filmkultur hervorgebracht hat?

Mit dem Ausdruck Film noir wird im Wesentlichen ein stilistisches Phänomen des amerikanischen Films der 40er und 50er Jahre benannt. Eingeführt wurde der Begriff 1946 durch die französische Rezeption der düsteren amerikanischen Kriminalfilme aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Großteil der klassischen Film noirs – angefangen mit John Hustons Die Spur des Falken von 1941 – sind Thriller, Detektiv- oder Gangsterfilme, wobei genreübergreifende Definitionen auch Western, Horrorfilme und Melodramen einschließen. In diesem Fall lässt sich der Film noir weniger als zeitlich begrenzte Bewegung begreifen, sondern eher als Sammelbezeichnung für alle Filme, die sich der Gestaltungsmittel und Motive des Film noirs bedienen, wodurch sich das Phänomen von den 30er Jahren bis in die Gegenwart ausdehnt.

Die frühen Werke des Film noirs stammen aus einer Zeit der politischen Instabilität. Die Nachwirkungen des Zweiten Weltkriegs und die latente Bedrohung des Kalten Krieges erzeugen eine bedrückende Atmosphäre der Trauer, Wut und des Zynismus. Viele Figuren des traditionellen Film noirs wie etwa Murder, My Sweet oder Double Indemnity (beide 1944) verkörpern die kollektive Identitätskrise einer Gesellschaft, die bis in ihre Grundfesten erschüttert ist: Da ist der desillusionierte Ermittler, dessen eigenwillige Methoden sich oft selbst am Rande der Kriminalität bewegen. Oder die mysteriöse Femme fatale, die ihm als schicksalhafte Bedrohung zur Seite gestellt wird.

Ganz egal, ob man den Film noir als Genre, Bewegung oder Stilrichtung betrachtet, der Katalog seiner ästhetischen und narrativen Merkmale bleibt stets der gleiche. Nebelverhangene Städte, dunkle Spelunken und regennasse Straßen gepaart mit einem über allem schwebenden, beklemmenden Pessimismus prägen die Bildwelten des Film noirs. Wortkarge, verbitterte Charaktere winden sich durch labyrinthische Erzählmuster mit zahlreichen Rückblenden. Unterstützt wird die komplexe zeitliche Ordnung durch das Voice-over des Protagonisten, dessen Blick auf die Welt häufig durch eine subjektive Kamera vermittelt wird. Starke Hell- Dunkel-Kontraste und auffällige Schattenspiele komplettieren den visuellen Stil der Film noirs. Die Handlungen kreisen um Gewalt, Korruption und Verrat, wobei weniger die Aufklärung der jeweiligen Verbrechen, sondern vielmehr die einzelnen Figuren im Mittelpunkt stehen. Es sind ihre moralischen Zwickmühlen, ihre existenziellen Krisen und kaputten Beziehungen, die die eigentlichen Themen des Film noirs begründen. Seine düsteren Geschichten brachen mit den Erzählkonventionen des klassischen Hollywoodkinos und entwickelten sich über die Jahrzehnte hinweg zu einem Kulturphänomen, das neben seiner ganz speziellen Ästhetik vor allem eine Weltanschauung markiert. Der Nihilismus und Zynismus des Film noirs bilden die Quintessenz einer Bewegung, die den Filmmarkt bis heute durchdringt. Nach Prototypen wie Laura, Dark Passage oder Der dritte Mann signalisiert Orson Wells Im Zeichen des Bösen von 1958 daher längst nicht das Ende des Film noirs. Seine gebrochenen Charaktere und Verfahrensweisen leben weiter in Filmen wie Taxi Driver, Blue Velvet und Sieben, sie begegnen uns erneut in Blade Runner, Sin City oder The Dark Knight.

Film noir – das impliziert unabwendbar Stil und Stimmung, aber zuallererst eine besondere Sichtweise auf die Welt, eine pessimistische, zynische oder nihilistische Sichtweise,“ schreibt Norbert Grob in seinem Standartwerk Filmgenres – Film noir aus dem Reclam Verlag von 2008. Die Weltsicht, von der er spricht, ist kein Genre, sondern ein Ausdruck. Ein Ausdruck, der über die Leinwand hinaus nachwirkt und den Film noir zu einer Erfahrung macht, die so vielschichtig und rätselhaft ist wie er selbst.

 

Literaturquellen zum Noir-Text:

  • Grob, Norbert (Hrsg.): Film Genres – Film Noir. Reclam Verlag 2008.
  • Koebner, Thomas (Hrsg.): Reclams Sachlexikon des Films. Reclam Verlag 2011.