Andreas J.N. Meier: Erinnerungen an Obrmann von Orbrbank

VORSTELLUNG

Doch nit mit Angstsein fuellte sich die Stille,
nein, es bruellte! schrie!! zerbarst in ihm!!!!
gestatten:
Obrmann von Orbrbank

leidschweignd stille haucht ein schwehrer schritt
im steilen tritt hie nauf, nu nichteszit,
als seinen athem horched.

leis laub forstnd wiegd trepb baumenobal
so: wankltraumn labsam træge stier
dr drænke trabt ’m trauben regenfall
wo glockenklang galgenun raubalgt: vir · · ·

Habe ich denn die schraubfedern gleich feisten Felsen denn erwæhnt?
Die blumen wie-glatte Flaeche, den Baum?

…und leis, ganz zart, wie eine Ruh’, aber noch leise und ganz leis wie eine Ahnung schlug sein kleines Herz in sich, versteckt geborgen, hoch im Horchen.
So wie er auf der Stille tritt, da nimmts ihn wunder,
gebirg-an schreitet Obrmann von Orbrbank.

Obrmann?
Sitzst du auf die Bank dich?
Obrmann?
Habn Tiere dich gfundn?
Obrmann
Schau an der schoenen gaerten Zier!!!

FUSZSPUREN

dein stieg im laubbaumeiht, wie ungespannt,
bei einger seele bergn stakt verweint
wo all so wundern war in ihn gelangt –
in Obrmann von Orbrbank, un nu verwandt,
alls sich bereiste, ahnte, wusste wie
erdenkt, die nacht im flug webt weit geweint –
sein stieg im laubbaumweiht, der dachte sie.
daran entbersten musst, – – wie’s Vieh:
schwiegt er sich fort endewig tot geeint,
fals gleich baumenobales Stimmtrieb, schrie, Zzerfressen, schlagender, – wirr, – Reisselant,
ein Irrewerden ihm versperrt wie eingespannt
er denkt die Nacht im Flugseskleid verweint,
sein schierer Steig im welken Steine, laubte: schrie!

Und um ihn blieb nun nichts als Stillesein. Kein Klang.
All-so schwieg Obrmann.

Dies war allnæmlich
Am zweiten Tag des hundejahres
Und weil wir nichts vom Mehl mehr haben,
buk unsre Mutter Brot.

LEBENSLAUF

ich, Obrmann von Orbrbank bin – und war mir jäh, – mir ein ungleich, formelhafter eulnkopf, villeicht. unterveichen wiegt ich stumm, ein weit auslandener treppbsatz, wo sich selbst vergeht und gleich wie seine æhre anschwieg schmiegt und mal ums maln leise mit der wimper schlægt, nur so:. – .
mein vater trægt uns in sich . – – . eine mutter, die uns trægt sich in uns.
ich bin ausgegangen. habe gesehen: bæume. ich rede ins geheimen, unterveich stell nu stumm stehe ich,.. so tappt mein weiter pfogel. pflatter,pfifferling bin ich, habe ich græten im gebiss und dabei doch, und doch!! und doch : ich mag das meer nit leiden, es trægt ja doch vom wasser . im sand mag ich nit bleiben. ich trage ohren (zween), die ich verdecke, so: mit beider hændn. viel leicht bin ich doch, villeicht bin ich kein ungleich, formelhafter eulnkopf, villeicht.

Verherrte Damen, verdammte Herren!
Der Baum schrie
Ich habe weiter nichts zu sagen.
ICH GEHE ZWEIT FOR MIR HIN, NU HER

Mir zerträgt es im steingendn Wankel mein Trittkinn zweit for mir her, wie eine Urne streckste sich mir mit Haenden (zween zweit ffor mir her. Ich zetterete von Zeit zu Gezweit mit Beiner (beider auf schwankenden Ungrund zweit for mir her, erkies und doch, lalieen (mein herz!) – und doch:! wie weich un weit gesetzt. Wie pi nu pa un ru,h – weil kein Mensch moeglich glauben mag, daß der zwei Arme trug, wie Ohren und ueber eine kleine Weile bei mir blieb, dann einmal noch, und stak und seine Pfoten gropf wie Schaufn ins gorbe Gebirge mir grub. Mir zerträgt es im steigenden Wankel die Gebe, die ich træge und taub eine Handbreit und ich da entgehe, zweit for mir her, wie mein vater blieb. Mir zerträgt es, ich schlage mich grob durchs Gehbirg, tret und tritte treppan und blicke gar wiegend nicht zweit für mir her. Meim bin ich mir fremd in der eigenen Handflaeche worn, das Trittkinn aus mir, ich mich lese, von Hohem verstand, und wies’ nur endfaellt, bald welkes Laub for mir her. Mir zerträgt das mich betreten verschweigt und steige und wie ich die Stufen betrete vergehe, verspruere ich mich im d‘Raum. Mir zerträgt es, hab Tod zum Spott mir erworben unwerde ich baldun zertrotten mich gegehen sehen. Mir zerträgt es ein Hosnbeinpaar, wie passgenuen Schuhe (zween), einen blaues, eines schwarzen, einem weißen hemdsaermlich geschnittern Bauern wie aus dem Gesicht, mein Trittkinn, ich trage meiner Brille Wonne stumm mit mir herrum.

Ich habe mich in den Felsen gesetzt.
Mich habe mich ich in den Felsen gesetzt.
Denn ich schlug einen den Felsen wie meinen Mantel um, mir zerträgt es im Wankel, mein lasse mich nidersinken in weihtes wie weiches Geaeder, im pulst und twiefleise bebt noch jetzt zerträgt, nu spuere ich doch,: das Tropfn dir Tränen, jetzt. Ich, mir zerträgt, im ich bin ich mir ausgezogn un liege bar und reinlicht danider, mir raunend und webend weinen unwiegt so legt sich der Fels, meim haelt mich bei sich und fasst meine Hand (zween).
Mein Kind.
Noch spuer ich still, das Dropfn dir Tränen.
Mir zerträgt es im Wankel nicht kalt und die Steine kuehlen ja doch nicht, zerträgt es die Winde warn weg, wo der Luft weich entgegen sich Laub mein zerränkend im trohen Blick, im baumenobalen. Still. gIch spuere nocht. Wen?
Es fasst sich da an meine Hand.
ein. -…ich … Kindlein fein.
noch spuere noch dir Tränen –
Mir die Æug…

O weh

Wir werden sitzen in der schlecht beleuchteten Stube
und unsere Mutter will, backt Brot.

HEIMAT

Astkehlhen braumgruen gleich wie Blætterdrosseln bastwankt diem weichen und umen passpied kreis woschwigendr Korbbienn schwirrt tiefdunftn, sie treibsen leife von bluemenen dæusche wie weit.

Obrmann aber verlauscht dem Nachtwall leibleier Klænge, (wie es bey Zirpen und horch im Ginster fltflt so schwangt, nu lallala durch die Wies pfifft, . So die Hände wie Blüten und hoch und im Horchen steht der. An birken Blätter verzargt scharrt und spatzen Pfifferiche stiegt stumm noch hauf, farn nu moos drimmeln Brut als weid Punct, whimmelärts, wie zween fähre Stunden bald bauscht da, flachs Wasser wie drauf un dran den bachen Fleise, las leißig Stein wie kiesn nauf rauschnem Weidweg bald zumsammln, do unschummern stelz ein holz un Mauerbiensummn durchderehte ver, zittert sch..!)webend dien kalb kreisen Blütbahnn, gedacklt, schritt umn tappt, tapp – weidweg, landwärt: – nu Obrmann von Orbrbank schlüpfte in sein Äuglinn, hebt den Athem, schließt den Blick
tritt einen leisen (Tritt) vornüber, nu links, so steht er neben sich, macht hoch die Brauen, belugt sich -, das Haar zum Schopf geschoren, Aug um Ohren, Hand Bauch Bein, zween, zween, zween…
Gestatten: Obrmann von Orbrbank, Obrmann von Orbrbank. Orbrmann von Orbrbank, Orbrmann von Orbrbank.
Angenehm.
Murmelurmelrumururmunden

Und nun:
Mir will’s ein Nest aus deinen Kräuterhaaren flechten,
Aus deinem braunen Reisig propf ich mir ein Heim.
Wie Wachteleier bette Aug um Aug hienein,
Wir brüten Links, wir sehen nach dem Rechten.
Lass haar und äug uns auf den dürren Armzweig legen
Uns weid der Guckuck, gieb uns seinen Segen.

Bei dieser trauen Weide, die sich senkt im Segen,
Vergeht es uns und lispelt ins Geheim.
Als Wachteln bette ich mir dich in mich hinein,
wie leicht getupfte Schalen kommst du mir gelegen.
Wenn Gluth und Mücke mich zu dir vereinen,
So horch ich voller Augen in die Deinen.

Nu, wirr wie wir ganz äugend arm in Arm uns legen
Erklingeln still und leidverschweigen unsre Lieder
Ein Ton und wieder wir, selbander Ton und wieder:
Hör zu! – es klingt und schwirrts ganz tönern unsertwegen
Und schau! – die Schale springt, auf! schließen wir die Lider!
Die Augen gehn uns über, quoll, zerfließen Für und Wider.

… Hoch im Horchen dreht mein Murmlkopf zum Rechten
Wo du das Lid sich hebt von blutegelnem Blick
Und schickst wir mir geschieht mich dir in dich zurück
Lässt Arm in Arm zu deinen Kräuterjahren flechten.
Wir liegen stumm, die traue Weide wiegt uns taubend
In Hohem horchten wir ein ander Ohr, erlaubend.

Nicht ich habe ich, wie ich auf der Erde sitze, einen wohlfeilen Stein gespürt, noch einen Halm, und also stammle ich nu wild vor mir her.!! –

GEBURT

Wer trægt’s den das im Wissen, dort im Kopf allhie wie da und schon wie das davon, die Frage schließlich, wem und wohinein geboren wurde ich und wann? – !
In eine wie die Nacht – hier schenkt mir doch den Glauben! – als einen kalten Morgen noch, will ich mich winterfrueh und hier am liesen leibestraub gelegen sehen, und wie kunde dass es heißt: geboren, das meint also: den, den holt man her, wie einen.
Kein Klang schweigt hier, all so und als die Nacht wird immer schon die kalte wesen sein, : ich triieb und leibe meiner tumben Tropf, ach! (klinggelung! am harfen heben sich, schalememeien und werde mit dem kleinen dieser Beindern um die Flügeln schlagen, wie wirr un um mich her. Kein Klang wie eine Nacht hielt lang da schon den Atem an. Dann ist es wieder so: liegt starr und nu wie stumm die trauben Finger fließen eine Weite auf und nieder, das ich, ja mir, meim lebenem, wer weiß das schon: der lohe Mond, die zweidrei Sterne, alle Winde fangen tausenfæchern wie durch Bæume die, und ungestuem zum Rauschn. Es all tobt traub im Treiben, als einer um den solch sich geschlungen, wie so galt’s in Herden, hundertfach, hier wo man læutet, hier wo die Stunden pfuhl die Tage auf und ab verpulsen, tief durchwuehlt die Zeit, erstreckt den Hals mir und ich kann doch jetzt – ich seh’s – mein Athem heben, grub sich ein, und labsam træg und noch stier,: – weich als wie ein Mensch im Wasser wo Obrmann sich spiegelt, ach! so schæumt sich’s mich hinueber, ich, und bin dahin:
lang, …lang und ueber alle zeit noch war ich’s nicht ja, nun, nu bin ich viel zu viel.

Und darum, da ich der und da bin, möchte – nein: werde ich von Obrmannens tiefen Tod erzæhlen:
Er starb. Flie und gleich Flei waren wie die Waisen nun.
Und weil wir nun vom Mehle nichts mehr haben konnten, allwie die Mutter Brot zerbuk.

Martin Knepper: Über Jean Paul

Wenn wir unter unseren Hörern oder in einer beliebigen anderen Gruppe von Menschen nach Autoren fragen würden, die sie mit dem Begriff ‚Weimarer Klassik‘ verbinden, einer Epoche, die wir einmal so präzise wie ungenau in die Zeit zwischen 1780 und 1830 legen wollen, die allermeisten würden wohl ohne Zögern die Namen Schiller und Goethe nennen. Nach kurzem Zögern käme wohl Lessing – irgendetwas mit einem Ring, nich? Gut, der fällt als fast eine Generation früher Geborener eher in die Zeit der Aufklärung, ragt aber ganz knapp noch in diese ominöse Klassik hinein. Schon die Namen Herder und Wieland jedoch werden vielen nur noch als Straßennamen geläufig sein, dabei bilden gerade diese beiden mit Goethe und Schiller das Kernquartett der Epoche: Herder als Theoretiker, der Philosophie, Politik, Kulturgeschichte und vieles andere bis weit in die Zukunft beeinflussen sollte und dessen ‚Stimmen der Völker in Liedern‘ – eine Art von Ethno-Poetry – die Bahnen für die Sammlungen der Brüder Grimm und der Romantik bereiten. Und Christoph Martin Wieland, eleganter Erbe Rousseaus und Voltaires, heute kaum noch gelesen, überstrahlte sein Ruhm zeitlebens selbst den Goethes. Und Freimaurer sind sie sie auch alle gewesen

Sie alle haben einander gekannt, geschätzt, beeinflusst, bei Banketten und in Salons zugeprostet, zuweilen auch auf manierliche Weise bekriegt; und dann gibt noch drei weitere, nachgeborene, die mehr oder weniger vergeblich an die Türen dieses erlauchten Kreises geklopft haben, und von denen doch zwei im Nachleben und –wirken heute mindestens so präsent sind wie der Weimarer Grand mit Vieren spielt fünf: Die Rede ist von Friedrich Hölderlin (ah!), Heinrich von Kleist (ah!) und –  Jean Paul Friedrich Richter, kurz genannt: Jean Paul (kennichnich). Hölderlin, der als Schiller-Epigone begann, und dessen Dichtung dann binnen eines Jahrzehnts in den Orbit abhob, wo sie den armen Kerl für den Rest seines Lebens ausgebrannt in der Obhut eines Tübinger Schreinermeisters zurückließ; Kleist, dessen grausamen Dramen und mal kühlen, mal drastischen Erzählungen den alten Goethe gänzlich befremdet zurückließen und der schon früh sein Heil im Freitod suchte („Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war“). Und dann eben dieser Jean Paul, ein bierseliger Oberfranke aus Wunsiedel, der seine Heimatregion zeitlebens kaum verlassen hat und der es doch wie selten einer verstanden hat, die ganze Welt aus Büchern zu ziehen und durcheinandergewirbelt und neu angeordnet auf’s Papier zu bannen, ein Dompteur der Fußnoten, ja er selbst eine einzige Fußnote zu einer Welt, in der Närrisches neben Empfindsamem liegt, das Gelehrte neben dem Kalauer, späte Aufklärung neben früher Romantik, Erschaffer einer dekonstruierten Universalenzyklopädie – unter allen Genannten vielleicht der modernste und zugleich der Verstaubteste. Der allergrößten Mehrzahl der Leser, die wenigstens noch ihr Verslein Faust aufsagen können oder Schillers ‚Ode an die Freude‘ beim Neujahrskonzert beethovenunterstützt bis zur vierten Zeile textsicher mitsingen jedenfalls ist er als gestorben zu betrachten. Wie überaus bedauerlich.

Wo anfangen, was ist wichtig auf unserem kurzen Rundgang durch dieses Curiositäten-Kabinett? 1763 wird er am ersten Frühlingstag (was ihm selbst stets als schicksalprägend erschien) als Sohn eines Lehrers und Pfarrers geboren. Umzug der Familie nach Schwarzenbach, Besuch des Gymnasiums in Hof, und damit ist ein Gutteil seiner Lebensgeographie bereits abgesteckt. Der Vater stirbt, als Jean Paul 16 ist. 1781 Beginn eines Alibistudiums der Theologie in Leipzig, doch zu diesem Zeitpunkt steht für ihn bereits fest, dass er Schriftsteller werden wird. Und er liest buchstäblich alles, was er in die Finger bekommt, füllt unzählige Notizkladden mit Zusammentragungen von Absonderlichem und Wissenswertem, seine erste Satirensammlung, die ‚Grönländischen Prozesse‘ werden 1783 verlegt (nicht gerade das, was man einen Chartstürmer nennen würde) und 1784 ist er bankrott, worauf er für einige überaus magere Jahre nach Hof zur verwitweten Mutter zurückkehrt. Und weiterhin liest, sammelt und schreibt er unablässig, bis ihm dann als 30jährigem (nicht mehr ganz jung für diese Zeit) der Durchbruch mit dem äußerst verwickelten Fragment eines Bildungsromans gelingt: ‚Die unsichtbare Loge‘ ist so völlig anders als die literarische Produktion ihrer Zeit, dass sie, trotz der Tatsache, dass sie weit vor einem befriedigenden Schluss abbricht, auf zum Teil begeisterte Aufnahme stößt. So auch bei den vorgenannten Wieland und Herder. Goethe und Schiller hingegen rümpfen die schönen Näschen und werden es so zeitlebens halten. Beispielgebend, nicht nur für diesen Romanerstling sondern für Jean Pauls ganze, bis heute modern gebliebene Erzählweise ist, was er über eine der Personen, eine Schäferin, schreibt: „Wir werden nichts mehr von ihr hören. – So wird es durch das ganze Buch fortgehen….“

Auch seine Bücher der folgenden Jahre werden große Erfolge, etwa die Romane ‚Hesperus oder Hundsposttage‘ oder eines der heute noch zugänglichste Werke, die Ehe- und vieles mehr- Geschichte  des Siebenkäs, mit ganzem Titel: „Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel, kurz Siebenkäs“. Doch dann lässt, nach gerade einmal zehn Jahren, der Ruhm wieder nach: Der in mehreren Lieferungen zwischen 1800 und 1803 erschienene ‚Titan‘, den er als sein Hauptwerk ansieht, wird ein ziemlicher Flop, obwohl oder gerade weil er hier einen kühnen Spagat zwischen allen von ihm bespielten Stilen und Theorien, Konstellationen und Anschauungen versucht: Vor der Folie eines zuweilen etwas blutarm agierenden Personals breitet er eine Kritik des Idealismus wie des Nihilismus und aller Zwischenstufen aus gesellt melodramatischen Liebeshändeln eine beißend kühle Beschreibung einer Ballonfahrt bei: Gerade dieser ‚Luftschiffer Gianozzo‘ hat mit seiner damals noch neuartigen Vogelperspektive aus einem Ballon noch das meiste Nachleben dieses Werks entfaltet. Und auch die danach veröffentlichten ‚Flegeljahre‘ fallen weitgehend durch, dabei ist diese wie so vieles bei Jean Paul in Franken spielende Geschichte um Walt und Vult bis heute eine der schönsten und heitersten Zwillingsgeschichten der Literatur. Wenn man nur eines seiner Werke lesen könnte oder wollte, meine Empfehlung ginge darauf. Kurz, Jean Paul schreibt weiter unter zunehmend sinkendem Stern, er wohnt inzwischen in Bayreuth, sein Bierkonsum wie auch sein Leibesumfang nehmen ungeheuerliche Maße an. Sein letzter Roman ‚Der Komet‘, der vielsprechend die Reisen eines durchgeknallten Apothekers, der mit der Erfindung künstlicher Diamanten zu märchenhaftem Reichtum kommt und einen ganzen Tross an nicht minder kauzigem Personal hinter sich versammelt, bleibt, ewig schade, unvollendet. Ein Zitat hieraus zeigt sprechend, dass Jean Pauls Liebe zwar wohl stets den Büchern gehört hat, er diese Liebe jedoch hochgeschätzt auch in und für andere denken konnte: „Das Lieben ist ja das einzige oder Beste, was der Mensch sich nicht einbildet.“ 1825 stirbt Jean Paul, nahezu blind. Das Publikum ist inzwischen längst weitergegangen, in der Mehrzahl in die Arme des großen romantischen Märchenbuchs.

In dieser Sendung jedoch soll es um ‚Abwegige Literatur‘ gehen. Das trifft einerseits auf den ganzen Jean Paul zu, dessen Werk man auch als eine einzige Abschweifung oder tollgewordene Fußnote charakterisieren könnte; man könnte auch ein Werk der reifen Jahre heranziehen, wie etwa ‚Dr. Katzenbergers Badereise‘, in der ein Anatom mit einem pathologischen Interesse für das Sammeln von Missgeburten die Heiratsbestrebungen seiner Tochter zu torpedieren bemüht ist. Um aber dem Schwer- noch das beinahe Unverständliche draufzusatteln, sei hier die ‚Auswahl aus des Teufels Papieren‘ genannt. Das Werk erschien weitgehend unbeachtet unter dem Pseudonym J. P. Hasus und versammelt unter dem Mäntelchen einer Manuskriptfiktion Satiren, Erzählungen und natürlich Abschweifungen aller Art. Ein großes Vorbild des jungen Jean Paul waren englische Humoristen, allen voran Lawrence Sternes mit seinem ironisch alle Romanfiktionen durchbrechenden ‚Tristram Shandy‘ und vor allem Jonathan Swift, der neben dem bekannten Gulliver eine Vielzahl zum Teil drastischer Satiren hinterlassen hat, man denke an seinen Vorschlag, die arme Leute von Irland mögen doch ihre eigenen Kinder essen, da so dem Hunger wie der Überbevölkerung zugleich Einhalt geboten werde. Nun ist Swift, als der junge Jean Paul wie im Rausch Satire um Satire heraushaut, bereits gut 40 Jahre tot, und den Teufelspapieren merkt man etwas von dieser Antiquiertheit an. Das ist nicht der Ton eines Goethe, der zu dieser Zeit bereits die Iphigenie und den ersten Wilhelm Meister-Roman im Sack hat, sondern ein spätbarocker, gelehrter Aufklärungsstil, bei dessen Lektüre sicher schon zeitgenössische Leser, viel mehr aber noch wir heutigen schnell und schmerzvoll merken, dass es unmöglich ist, auch nur drei Zeilen davon zu lesen, ohne nicht nach einem leider zumeist fehlenden Anmerkungsapparat zu schreien. Jean Paul schichtet Bild auf Bild, Anspielung auf Anspielung, für alle erdenklichen Gewährsleute der Bibliotheken aller Zeiten an, sodass man über dem Staunen ob der Fremdheit eines Satzes schon lange den vorherigen vergessen hat.

Und man darf die Satiren vergangener Zeiten nicht unbedingt an dem messen, was wir heute von Magazinen wie Titanic oder Charlie Hebdo kennt; oder etwa von Wiglaf Droste oder den spoken word-Satirikern von heute, die meistens als Kabarettisten segeln: In einer Zeit, in der in den meisten Winkeln der Erde an Presse- und Zensurfreiheit nicht zu denken war und eine überscharfe Attacke auf Regierende und Missstände unter Umständen nicht nur den Verlust des Druckwerks bedeuten konnte, zieht sich die Satire gerne auf den menschlichen Aspekt der Schwächen mit allenfalls behutsam-allgemeinen Ausflügen ins vergleichende Tagesgeschäft. Man kritisiert Moden und Eitelkeiten, Kollegen und Lehrmeinungen, auch der Adel wird verspottet – aber bitte keine lebenden Namen! – Jean Paul zerrt ein ganzes Naturalienkabinett ans Licht, um praktisch die gesamte risikoarm zu beschreibende Welt durch’s ins Lächerliche ziehen zu bessern, doch gerade uns Lesern der Gegenwart nimmt das oft die Chance auf einen Erkenntnisgewinn oder auch nur Lacher. Ein wenig ist es mit den Teufelssatiren wie mit den Beiträgen der Internetseite ‚Der Postillon‘ wo die eigentliche Pointe meist bereits im Titel verborgen ist, und der der darunterstehende Text mehr als Kür denn als Pflicht erscheint. Jean Paul schreibt etwa über:

– Der Edelmann nebst seinem kalten Fieber und die Unterthanen nebst ihren kalten Häusern
– Brief über die Unentbehrlichkeit unzähliger Taufzeugen
– Würde man nicht vielen Mißbräuchen der belletristischen Rezensionen steuern, wenn kein anderer ein Buch rezensieren dürfte als der, der es selbst gemacht? Vorschlag
– Der Mensch ist entweder ein lebendiger Bienenstock oder auch ein lebendiges Feldmausloch
– Der Schweinskopf als Buswecker
– Nutzen der Elektrizität für das Christenthum
– Ob die Schamhaftigkeit ohne Augengläser völlig bestehen könne?

Hinter all diesen Überschriften verbergen sich durchaus gescheite, amüsante, haarsträubende wie –spalterische Betrachtungen, sie sind halt nur in ein Übermaß an Gelehrsamkeit eingebunden wie in einen Fettpanzer, zudem ist der schreiberische Gang des Twens Jean Paul zuweilen noch etwas schwankend. Wollte sich einer jedoch die Mühe machen und sich durch nur eine dieser Satiren ein Bild von Zeit, Gattung wie Autor machen, meine Empfehlung wäre:

Einfältige aber gutgemeinte Biographie einer neuen Frau von bloßem Holz

Um es vorweg zu sagen: Wollte heute jemand versuchen, diese Geschichte, in ein sprachlich erneuertes Gewand gekleidet, dem Publikum als Lesestoff anzubieten, er sähe sich vermutlich den wütendsten Protesten nicht nur der meisten Frauen ausgesetzt, nein, es gäbe vermutlich auch Stimmen die den Autor einer selbstredend wohlmeinenden Untersuchung auf mögliche psychopathologische Störungen ausgesetzt sehen wollten. Denn wirklich ist neben allen zeitgeistigen bis hin zu Fips Asmussen fortgeführten Klischees über Frauen wie Beautywahn und Verschwendungssucht, Kommunikationsüberfreude und Neigung zu Esoterik ein latent sadistischer Zug an dieser Geschichte, wenn Jean Paul minutiös die Zusammenfügung der einzelnen Gliedmaßen beschreibt, die fast den 30 Jahre später erscheinenden ‚Frankenstein‘ von Mary Shelley vorwegnehmen. Der Erzähler wählt als Korpus eine alte Mosesfigur aus einer Kirche (Gender und Sakrileg), bekleidet sie mit der abgezogenen Oberhaut einer Dame, die sich laut Montaigne davon einen helleren Teint erhofft hatte (Schweigen der Lämmer), unterspritzt ihr bläuliches Wachs, auf dass die so sichtbaren Adern wie bei den adligen Damen von der Zartheit ihres Teints sprächen, lobt die Vorteile einer hölzernen Nase, da so die Kosten der von Damen so geschätzten Tabaksschnupferei entfielen – und so Arbeit er sich Stück für Stück durch den weiblich-hölzernen Organismus, um so am Ende eine preiswerte, allzeit kooperative Gattin, eine Art collagierte Lovedoll zu haben. Das alles ist haarsträubend grotesk und un-pc geschrieben, wobei zu Jean Pauls Ehrenrettung gesagt werden muss: Ein Frauenhasser ist er nie gewesen. Doch ähnlich wie Thomas Mann zuweilen halb tranceartige Passagen unterlaufen, in denen seine meisterhaft routinierte Gehrockprosa plötzlich einen unverhüllt homoerotischen Zug annimmt, so lassen sich an Jean Pauls Holzweiblein die Nöte erahnen, die ihn als bankrotten unverheirateten jungen Mann umgetrieben haben müssen. Alles dies ist wie nun mehrfach erwähnt sonderbar und unverständlich geschrieben und von einer Strandlektüre so weit entfernt wie Bayreuth von Hawaii, es möge jedoch zum Beispiel dienen, wie einer der allergrößten unserer Halbvergessenen einmal das schreiberische Laufen gelernt hat: Jean Paul Friedrich Richter, Ehre seinem Andenken.

Felix Benjamin: My Home is my Castle

Hier auf Schloss Friedenau ist die Welt noch in Ordnung. Hier flaniert der gutmütige Patriarch Christoph von Anstetten mit seiner dritten Frau Barbara von Sterneck durch die Alleen. Hier leitet Sohn Henning das Familienimperium. Hier striegelt Stieftochter Kati ihre Pferde. Seit Jahrhunderten ist dieses prächtige Anwesen im Besitz des ehrbaren Adelsgeschlechts. Doch jetzt steht alles auf dem Spiel. Heute wird es sich entscheiden: Kann Christoph die niederträchtige Intrige seiner Exfrau Clarissa aufklären oder werden die von Anstettens ihr Schloss, ihr Gestüt, einfach alles verlieren?

Lena ist seit der ersten Folge bei den von Anstettens dabei. Deshalb geht es heute auch um ihre Zukunft. Doch wenn sie sich nicht in die Hose machen will, muss sie jetzt wirklich mal schnell aufs Klo. Jetzt ist das Haus der Brandners zu sehen, die nächsten fünf Minuten werden also nicht auf dem Schloss spielen. Das ist zu schaffen.

Seit Lena ihren eigenen Fernseher hat, muss sie sich nur noch selten ins Feindesland hervorwagen. So schnell sie kann, rennt sie durch das verminte Gebiet zum Klo. Noch schneller will sie wieder zurück. Doch schon steht ihre Mutter in der Tür. „Du hast ja gar nicht ordentlich gespült!“ mault sie. Für Feindkontakt hat Lena jetzt echt keine Zeit. Sie muss zu den von Anstettens zurück. Es geht um`s Schloss.

„Hab ich wohl“, sagt Lena und versucht vergeblich, sich an ihrer Mutter vorbei zu drängen.

„Hast du nicht! Oder warum klebt da sonst noch deine Scheiße?“

„Wo?“

„Da!“ schreit Lenas Mutter, packt sie am Pferdeschwanz und drückt ihren Kopf tief in die Schüssel. „Siehst du`s jetzt endlich? Mach das weg!“

Als Lena in ihr Zimmer zurückkommt, läuft schon der Abspann. Sie hat die entscheidenden Minuten verpasst und wird erst in knapp 24 Stunden erfahren, was passiert ist. Das Wasser der Klospülung tropft von ihrem Kinn, und Lena weiß nicht, ob sie morgen, wenn sie den Fernseher einschaltet, ins Zuhause ihrer Wahlfamilie zurückkehren kann oder ob die Pforten des Schlosses ihr für immer verschlossen bleiben werden.

Lena Kratzer

 

Magdalena Kratzer, 1982 geboren in Landshut, hat Soziale Arbeit in Nürnberg, Theater- und Medienwissenschaften und Germanistik in Erlangen und Dokumentarfilmregie an der Filmarche in Berlin studiert. Seit 2016 wohnt sie wieder in Nürnberg und ist dort in der Schulbibliothek eines Nürnberger Gymnasiums als Bibliothekspädagogin tätig. Über das Jahr hinweg begleitet sie, als Teil des Nürnberger Kerzenwerkstatt Kollektivs, eine Kerzenwerkstatt aus dem 19. Jahrhundert im Wandel der Zeit mit der Kamera. Im Sommer sitzt sie am liebsten im Cafe Regina oder im Kiosk Rosenau, trinkt eisgekühlte Club Mate und schreibt an ihrem Roman „Die Lichter von Marseille“.

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Lena Kratzer bei EBMD:

Lisa Neher

Als Kurt Cobain 1994 den Stab im Staffellauf des Lebens weiterreichte, stieg die Einwohnerzahl eines kleinen Allgäuer Dorfs von circa 83 auf circa 84 Menschen. Dort, mit Löwenzahnfeldern in den Ohren und Kuhglocken zwischen den Zehen, wuchs Lisa Neher auf – wohlbehütet wie das Smartphone einer Vierzehnjährigen. Orte wie dieser, die vom öffentlichen Verkehrsmittel namens Bus nur zwei mal wochentäglich angesteuert werden (7:00 Uhr früh und 13:30 Uhr mittags), fördern die Kreativität und außerdem das Interesse für Literatur und Musik ungemein. Zumindest bei L.N. – also zog sie 2014 nach Nürnberg, um Kommunikationsdesign zu studieren, im Musikverein tätig zu sein und Bücher in der Buchhandlung Jakob an die richtigen Menschen zu verteilen.

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Lisa Neher bei EBMD:

Tobias Hacker: Nassmüll

Feuchtes Laub der letzten Jahre
Abflussdreck mit Kringelhaaren
Roter Wein und grünes Pril
Pferdeäpfel

Halb verwester Ziegenkäse
Abgelaufne Majonese
Aufgeplatzte Pfirsichdosen
Eingemachte Unterhosen

Du bist alles was ich will
Von dir bekomm ich nie zu viel
Du hast klasse du hast Stil
Endlich kenne ich mein Ziel

Nassmüll

Angebrochne Silberzwiebeln
Umgefallner Kübelkübel
Linsentopf mit Petersilie
Tote Eichhörnchenfamilie

Knackundbackteig ohne Dose
Alte Schweinebratensosse
Ein Mc Ripp schon durchgekaut
Und die alte Weiswursthaut

Du bist alles was ich will
Von dir bekomm ich nie zu viel
Du hast klasse du hast Stil
Endlich kenne ich mein Ziel

Nassmüll

Fruchtzwerge und Kindersäftchen
Durchgeweichtes Playboyheftchen
Watten , Ratten und OBs
Mullbinden aus Not OPs

Bikini aus Riminni
Ausgebrochnes Peddigri
Aufgetaute Hähnchenschenkel
Windeln von nem Pflegeenkel

Du nur gibst mir das Gefühl
Dass ich in dir schlafen will
Du hast soviel Sexapeal
Dich brauch ich zum Liebesspiel

Hackfleisch von 2004
Halb vom Schwein halb andres Tier
Grieben- oder Ohrenschmalz
Lebe hoch Gott erhalts.