Natalia Breininger: Neon

Ich frage die Katze, ob sie genug gekotzt hat, ja, meint sie, aber ich noch nicht; mein Hals ist geschwollen, die Nase läuft, Hartz IV bald auch; irgendwie ist alles kaputt und angeschlagen, abgeschlagen, mit Lichtern und Raumfahrten dazwischen, Größenwahnphantasien und Existenzängsten, Beziehungswracks und unrealisierter Romantik, ich bin – so viele, dass ich es gar nicht halten kann, und draußen sind – so wenige: wer klopft an die Tür, der klopft an die Tür, ich gehe in Tangenten die Welt ab, Entropien wie Berge um mein Gehäuse, ich esse die Suppe, weil ich muss, und wache auf, weil ich nicht anders kann – nach dreißig stellt sich der Sinn plötzlich tot, und ich weiß nicht, ob das schlecht ist – am Nullpunkt ist immer Ruhe, die besser scheint, als Amplituden der langweiligen Wiederkehr: Karriere machen, fragt mich einer, nein danke, antworte ich, ich wüsste nicht, worin und wozu, zudem niese ich ständig, oder bin kopfkrank, und nur die Sonne geht unter und ist schön und wieder auf und ist noch schöner, das ist alles, was sich zu sehen lohnt, und mit den Spatzen die Krümel zu klauen, und irgendwie zuhören zu können, ohne eine Strafpredigt zu halten, da zu sein, ohne nachlässige Ignoranz oder falsche Leichtigkeit – in Armut lebt es sich schwerer, aber auch ehrlicher, das Finanzamt zieht mir den letzten Teppichboden unter den Füßen weg: wie stellen die sich das eigentlich vor, wovon du leben sollst, fragt eine Freundin, ja, sage ich, weiß ich auch nicht, gar nicht wahrscheinlich – vor mir Berge und Mondkrater, über die ich zu lugen versuche: nur nicht unsichtbar werden, zurückgeworfen ins Negativ, auf sich aufmerksam machen, auch wenn der Globus vor meinen Augen riesig erscheint, ein Kreuz setzen, in Merkels Gesicht, um ihm klar zu machen: so nicht, meine Liebe, du hast keine Ahnung davon, wie wir leben, wer wir auch immer sein mag – die Verlassenen, Geflohenen und Entstellten, die Alten und die unglückseligen Künstler, die Hebammen oder einfach die mit einem vaginalen Loch zwischen den Beinen – was auch immer du mir erzählst, du kennst das Leben nicht, wo du Dostojewski liest und mit dem Masterabschluss putzen gehst, auf halben Stellen, wie halben Stühlen sitzt, desinteressiert und krank; ich weiß doch auch nicht, was mit meinem Körper los ist, oder mit meinem Herz, aber das Leben in diesem Land hat etwas Fahles, Glanzloses, ist fluoreszent, ich sehe, wie dort die Wärme evaporiert und keine Spuren hinterlässt, nur eine Fata Morgana – als wär sie nie da gewesen; ich lecke die eingefrorenen Fenster ab – draußen ist Winter, bald, und ein Jahr ging vorbei, nichtssagend und schwer, mit Gesellschaft dazwischen und der Einsamkeit, in buntes Neonlicht getaucht, kalt und schön – ein Licht, aus dem auch die Frauen kommen, die mir so ungleich sind, Bella, Gigi Hadid, Cara Delavigne, Rihanna, manchmal auch Heidi Klum, wenn sie nicht kreischt, ausgehungert und schön, mit Reichtum behängt, den sie hin und her tragen, wie Sträflingskugeln, Frauen, die zum Verkauf stehen, und irgendwie auch nicht, mit operierten, injizierten Gesichtern, die im Blitzlichtgewitter untergehen und von denen am Ende nur (ihre) Gespenster zurückbleiben: haben sie was gesagt, was gedacht, wer weiß das schon, dafür werden sie nicht bezahlt, sondern fürs Fitschlanknhappy, wie wäre es stattdessen mit Schlappfettnkrank, beides schenkt sich doch nichts und ist nur Ausdruck des Lebens, des Sterbens; ein Kreislauf, der vor sich geht, zusammen mit der Erdrotation und den Gezeiten, und viel mehr als das ist da nicht, obwohl – gestern hat ein Penner meinen Namen gewusst, oder es hat so gehallt, als ob, es hat mich entsetzt, er – in einer Güte, die mitten aus Verzweiflung erwächst: im Leiden noch Wärme geben, geht, geht ausgerechnet da, geht, während die Mode- und Unterhaltungsindustrie Mädchen castet, nach Farbe und Form und das Arbeitsamt neue Sklaven, der Klasse I, Klasse II in seinem asozialen Bürgerklassifizierungwahn heranzüchtet; Merkel erzählt mir irgendetwas davon, wie sie die Arbeitslosigkeit halbiert hat, aber nicht um welchen Preis, und welches Leben die Menschen fristen, in den Ghettos und der Peripherie in Armut, die unterm Strich aufs Gleiche hinausläuft, wie sie dann an Wochenenden in die steuerfreien Oasen des Starbucks strömen, in modischen Billigversionen und Masken aus perfektem Makeup, zum Schaumschlürfen und Kollegenbasching – für mehr reicht das Geld nicht, und im Vergleich dazu hat es selbst Kafka noch knallen lassen, war aber auch früher tot, so läuft es nun mal – wer ehrlich lebt, muss früher sterben – / ich rauchte meine Zigarette zu Ende.

Natalia Breininger: (My lost hometown #2)

Ich erinnere mich, an diesen Mann, wie wir nach Hause liefen auf der Brivibas iela, waren wir einkaufen, wahrscheinlich, meine Mutter hatte mich bei der Hand, ich war sieben und es war September, zu früh um Jacken zu tragen, aber nicht Pullover, Menschengewusel, und dann kommt aus der Kreuzungsecke, an der Gemüse und Blumen verkauft wird, ein Mann, er hat dieses weiche, menschliche Gesicht, das mich an meinen Vater erinnert und irrt ziellos umher, mein Blick senkt sich und er trägt diesen typischen Eastsidepullover, die es nur Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger gab, und ein burgunderroter Fleck zeichnet sich darauf ab, der immer größer wird, Blut, er stolpert und hält sich fest, stolpert und – die Ampel wird grün, ich schaue meine Mutter an, die mit seriösen Blick meine Hand fester drückt (ein Drogensüchtiger hätte ihn nach Kleingeld gefragt oder nach größerem und weil er zu lange brauchte, oder nichts, nicht genug dabei hatte, stach er auf ihn ein, munkelte die Nachbarin später an der Haustür zu meiner Mutter, als ich sie belausche), keine Spur von Panik, nur Spuren von Blut und hektisch werdender Menge, wir wechseln die Straßenseite, der Notfallwagen rollt ein, ich sehe den Mann niedersinken, aus der Ferne, die Sanitär rollen eine Trage heraus, er wird in den Krankenwagen gezogen (noch vor Ort operiert, dreieinhalb Stunden lang, die tiefsten Stichwunden, direkt in die Brust, kannst du dir vorstellen, Olga, dreifacher Familienvater… er hat nicht überlebt) und ich bin sieben und hab keine Angst, aber bete – ich bete vergeblich, dass er überlebt. Als wir zuhause ankommen und Nachbarin Tanja wieder geht, schaue ich aus dem Fenster und es tut mir – um dieses weiche Gesicht, diesen weichen, niedersinkenden Körper, der in den Händen des Chirurgen verblutet, unendlich leid.

(Epilog: Ich dachte, du erinnerst dich nicht, lächelt bedrückt meine Mutter. Da net, mam… ja pomnju. Pomnju vse.)

Anja Gmeinwieser: Donnerstag 07:44 bis 08:00 – 18. Mai 2018

Ich weiß nicht, seit wann genau, aber seit einer Zeit steht vor dem Kiosk an der Pfütze, die nie ganz versiegt, ein Mann und starrt dort in die Pfütze hinein. Dabei hat er eine Mimik aufgesetzt, in der ich mir irgendwas zwischen Gleichgültigkeit und Abscheu erstarrt denke. Schön ist er nicht, der Mann, ich würde sogar sagen, ganz im Gegenteil, und das halte ich nicht allein für ein Geschmacksurteil. Das Gesicht aus Tränensäcken hängt gerade noch über einer jägergrünen Jacke mit ausgebeulten Taschen, eine eigenartig neu wirkende Fotokamera hängt an einer ebenfalls hängenden rechten Schulter – dass sie ihm nicht gestohlen wird. Das Bild, das er abgibt, bestätigt sich selbst noch in seiner viel zu orangenen Mütze und einer Körperhaltung, die ich kaum als solche bezeichnen möchte, es ist eher eine Häufung von Körperabschnitten, aufeinandergehalten von Glück und gutem Wetter.

Erst habe ich gedacht, kann sein diese Lache zeigt den Mann in schöner, kann sein sie schmeichelt seinen Konturen mit Benzinschlieren oder leichtem Wellengang. Aber ich habe nachgesehen: Die Pfütze ist ehrlich. Dazu, das meine ich festgestellt zu haben, sieht der Mann gar nicht sich, sondern nur den Himmel, und mich, wenn ich auf einer anderen Seite der Pfütze stehe. Ich mache das daran fest, dass ich, blicke ich in die Pfütze, nicht mich, sondern nur den Himmel sehe, und ihn.

Seit ich den Mann zum ersten Mal gesehen habe, das war am 4. April, seitdem sehe ich ihn immer. Nach gut einer Woche habe ich mich gefragt, ob er die Pfütze je verlässt. Ich sehe nun zu verschiedenen Uhrzeiten nach. Mittags um 12. Nachts um halb vier. Morgens um viertel vor sieben. Ich habe auch zu absurd unorthodoxen Zeiten nachgesehen, wie 22:37, um ihn beim Abwesendsein zu erwischen. Er ist immer da. Immer wenn ich da bin, mindestens. Ich verlasse zu Unzeiten das Büro, um mich auf den halben Weg nach Hause zu machen, verlasse zu Unzeiten Bett und Wohnung, um mich auf halben Weg ins Büro zu machen, ich habe extra meine dienstägliche Joggingstrecke umverlegt, dehne meine Mittagszigarette extra 5 Minuten länger aus, nur um an der Pfütze vorbeizukommen, die schon so eine Art Fixpunkt in meiner täglichen Routine geworden ist und dort treffe ich immer auf ihn und er würdigt mich keines Blickes. Ich treffe – auch das beobachte ich – auch auf niemanden, der ihn eines Blickes würdigt. Ich blicke mit in die Pfütze, manchmal tue ich das. An schönen Tagen liegt ein gleichmäßigblaues Stück Himmel mit einem unvorteilhaften Männergesicht auf dem Asphalt. Dann wieder jagt eine einzelne Wolke über den Boden. Anderntags, wenn die Pfütze geschrumpft ist, schweben Schmutzflocken wie gestockte Seife am Grund, und darunter zeigt sich schemenhaft ein kleines quadratisches Abflussgitter, das scheinbar seinen Dienst verweigert. Ich wage nicht, ihn anzusprechen, wage das nie. Meine Gedanken kreisen ständig um Pfütze und Mann. Es ist, als wäre die Zeit an dieser Pfütze für diesen Mann angehalten, oder er hat sich im Innehalten selbst angehalten und ist jetzt mit sich, dem Himmel und dem Abflussgitter gefangen. Ist das eine Hölle oder Meditation?

Ich kaufe heute morgen eine Zeitung, ZEIT, 18. Mai. Bilde mir ein, dass die Kioskbesitzerin – sie habe ich nie richtig bemerkt, es ist eine mittelalte, mittelfüllige, mittelgut gekleidete, mittelergraute, mittelgebräunte Dame – mich mit Skepsis mustert. Herrgott, bis jetzt hätte ich noch nicht einmal sagen können, dass es eine Frau ist, die in diesem Kiosk arbeitet. Den Kiosk selbst mag ich. Grün gestrichen, freistehend, jemand hat sich die Mühe gemacht, die Kaffeekarte mit Setzbuchstaben zu machen, ein Kiosk, der sich seiner Kioskhaftigkeit angenehm bewusst ist, ausgezeichneten Kaffee anbietet, um nachfüllbare Kaffeebecher bittet, der Umwelt zuliebe. Die Frau, die so gar nicht zu diesem Kiosk passen will, wird geradezu verschluckt von der Präsenz des bulligen kleinen Baus. Diese Frau also begegnet mir mit Argwohn, statt Freundlichkeit, wie es unser Dienstleisterin-Kundenverhältnis mir eigentlich versprechen würde. Ich geselle mich zu dem Mann an der Pfütze, die einen spiegelverkehrt grauen Himmel zeigt, konzentriere mich aber aus den Winkeln meiner Wahrnehmung auf den Kiosk. Mit der nächsten Kundin tuschelt die Frau und nickt – meine ich – zu mir herüber. Mich befällt es heißkalt. Werde ich meinerseits beobachtet, während ich beobachte?Warum, muss ich mich fragen, hat sie nicht mit mir über ihn getuschelt, er steht da doch die ganze Zeit und starrt in diese Pfütze, dass das meine Faszination, meine Fragen erregt, wird doch wohl selbst dieser Kioskfrau nachvollziehbar sein. Natürlich, sie hat mir voraus, dass sie von ihrem Kiosk aus immer alles beobachten kann, ohne dass es jemand wundert, ohne dass es überhaupt jemand bemerkt, während ich für meine Beobachtungen diesen Ort erst eigens aufsuchen muss. Die Blickachsen sind bestimmt durch die räumlichen Gegebenheiten: Was sich bewegt, auf dem offenen Platz wird gesehen, betrachtet, bespitzelt, wohingegen nicht beachtet wird, was sich hinter einem Wall aus Butterbrezeln und Kreuzworträtseln verschanzt.

Meine Nervosität spitzt sich zu. Ich versuche im Geiste zu sehen, was die Frau sieht: Zwei Männer, einer mit Mütze, Kamera und Tränensäcken, der andere jünger, auch mit Mütze, einem dichten Bart und einem kastigen grünen Rucksack. Vielleicht malt sie sich eine Beziehung zwischen uns aus. Vater und Sohn. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, denkt sie vielleicht, und dass ich auch irgendwann immer da stehen könnte. Sozialarbeiter und Drogensüchtiger. Wobei ich natürlich mich in der Rolle des Sozialarbeiters sehe, selbst in ihren Gedanken, die sicherlich vor keiner Unterstellung halt machen. Vielleicht zieht sie Schlüsse, aus der Ähnlichkeit vom Grün des Rucksacks mit dem Grün der Jacke. Oder zwischen den Formen unserer Mützen. Ich nähere mich, einer plötzlichen Idee folgend, dem Gesicht des Mannes um Anzeichen von Bärtigkeit zu finden. Ich rieche Rasierwasser, wie sonderbar.
Vielleicht ist sie seinen Anblick schon so gewöhnt, dass sie ihn nicht mehr, mich aber sehr wohl wahrnimmt.

Um ihre Aufmerksamkeit auf ihn zu lenken, beginne ich ein flüsterndes Gespräch mit ihm. Als willkommenes gemeinsamen Thema wähle ich die Pfütze, deren verschiedene Gesichter wir ja beide zu gut kennen, und die heute wegen des trüben Wetters enttäuschend wirkt. Der Mann rührt sich keinen Millimeter, der Blick der Kioskbesitzerin dagegen schärft sich noch mehr. Ich blicke verlegen in die Pfütze. Irgend Vögel flitzen tief über den Himmel, die Wolken verschieben sich millimeterweise zueinander und erfinden neue Töne von Grau. Wenn ich mich weiter vorbeuge, um in mein eigenes Gesicht zu blicken, sehe ich, dass es durch das nach vorn und unten gebeugt sein ein wenig hängt, die Wangen hängen ein wenig vor den Lippen, die Tränensäcke treten stärker hervor, die Augen wirken kleiner. Ein wenig älter sehe ich aus, nicht? Ich sehe so nicht aus, nicht? Es sind die Wellen in der Pfütze, die mein Gesicht so wirken lassen, nicht? Plötzliches Unbehagen: ohne aufzublicken, oder auch nur die Augen zum Spiegelbild des anderen zu bewegen, spüre ich seine Abwesenheit. Wann er gegangen ist, ich könnte es nicht sagen.

Anna Hofmann: Déjà-Vu

Die ganze Welt dreht sich um einen Punkt zwei Meter neben mir und ich schlafe rückwärts. Im Traum scheint mir die Szenerie real, am Tag ist mir das meiste fremd.

Alles hier ist stimmig. Als ich in seine Wohnung trete, sehe ich Bücherstapel auf dem Tisch liegen, sie sind parallel zur Kante ausgerichtet. Ich schaudere und denke über äußere und innere Ordnung nach. Er sitzt neben mir und redet so viel, er spricht nicht mit mir, er redet und mein Hirn pocht gegen die Schädeldecke. Früher nannte ich das Migräne, aber es ist ein chronisches Klopfen in meinem Kopf geworden. Er wird platzen, denke ich und dann wird er sich über die Sauerei beschweren. Sein letzter Satz hängt in der Luft und wiederholt sich in meinem Kopf so lange, bis er ein Ohrwurm wird.

man kann es sich nicht aussuchen
man kann es sich nicht aussuchen
man kann es sich nicht aussuchen

Ich spüre, dass meine Mundwinkel schon wieder zu Blei geworden sind, nicht imstande zu lächeln, lasse ich mir neue Ausreden einfallen, warum ich nach Hause muss. Nach Hause, das ist auch übertrieben, dieses Loch Zuhause zu nennen aber ich kann nicht sagen, dass ich allein sein muss, ohne noch mehr erklären zu müssen. Meine Jacke habe ich schon am Anfang auf die Stuhllehne in der Küche gehängt. Als wäre ich immer auf der Flucht merke ich mir genau, wo ich meine Siebensachen liegen lasse und wie ich schnell wieder nach draußen komme.

Obwohl er noch nicht zu Ende erzählt hat, gehe ich. Während ich die Straße entlang laufe, denke ich über den Punkt zwei Meter neben mir nach. Was, wenn es immer nur um diesen Punkt ging und das Streben dahin eine ständige Verbiegung bedeutet, die mich irgendwann ganz schief hat werden lassen? Ich wiederhole innerlich, was er gesagt hat und sehe nur Fehler in dem, was ich geantwortet habe. Der Boden unter meinen Füßen scheint zu zittern und meine Augen versuchen einen Punkt auf der Straße zu finden, der lohnenswert wäre, fixiert zu werden.

Ich will zu ihm zurücklaufen, ich schwärme meinem Verstand bereits vor, wie schön das wäre, wie sehr er sich freuen würde, wie normal alles sein könnte, da erinnert mich etwas daran, dass Normalität lange her ist. Sonst müsste ich jetzt nicht gehen. Sonst hätte ich nie von irgendwo gegen meinen Willen und mein Vorhaben gehen müssen. Ich hätte keine Probleme gehabt, das Haus zu verlassen, ich würde einfach immer tun, wonach mir ist.

Es begann zu schneien und wenn es schneite, dachte ich an etwas früheres, angstloses. Jetzt machte mir beinahe alles Angst, ich konnte nur noch wenig aus dem Haus. Meine Wohnungstür war mir irgendwann wie eine magnetische Schwelle vorgekommen, die ich nicht übertreten konnte. Manchmal hatte ich die Wohnung wochenlang nicht verlassen, nicht einmal dem Lieferservice hatte ich in die Augen sehen können und unangemessen viel Trinkgeld gegeben. Oft hatte ich es probiert, aber jeder neue Versuch entmutigte mich mehr und nachdem ich meine Jacke dreimal an- und wieder ausgezogen hatte, legte ich mich zurück ins Bett.

Und ich hatte nicht zu seinem Geburtstag gehen können. Das liegt vor allem daran, dass er bereits nachmittags in seine Wohnung eingeladen hatte. Wäre es eine Party gewesen, hätte ich es hingeschafft, aber als würde mir die Nacht meine Melancholie eher verzeihen als das Tageslicht, konnte ich nicht.

Wobei Melancholie ja eine ganz andere Sache ist als das, was ich erlebe. Melancholie lässt noch Spielraum für Ästhetik zu. Man kann sich in den vielen Nuancen baden, man kann es genießen, sie reiht sich in verklärte Vorstellungen von Zweifel und Traurigkeit ein. Aber es kommt mir heute eher so vor, als sei mir ein zerbrochener Spiegel vorgehalten, der mir eine verzerrte Welt und ein zerstörtes Selbst zeigt. Und so bin ich nicht mehr imstande zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, ja am Schluss weiß ich nicht einmal mehr wo oben und wo unten ist.

Ich finde immer noch keinen Punkt zum Fixieren, weder außen noch innen und laufe schneller. Bis zu meiner Wohnung sind es noch gut 20 Minuten, aber laufen ist besser als Straßenbahn fahren, dass mir an schlechten Tagen wie eine fahrende Blechbüchse mit vielen anderen Insassen vorkommt. Das Feld vor mir ist im Sommer ein beliebter Grillplatz, heute ist kein Mensch zu sehen, es schneit immer noch.

Aber Schnee. Die Bewegung der tausend kleinen Flocken zieht mich mit nach unten; eine optische Täuschung, die mir plötzlich so verführerisch erscheint, dass ich mir wünsche mit ihnen zu fallen und liegen bleiben zu dürfen. Ich würde dumpfer fallen als die Flocken. Nicht sanft zu Boden pendeln wie sie, ich würde nicht noch einmal nach links und nach rechts schweben, bevor jede von ihnen mit dem Rest verschmilzt. Es wäre eher ein gedämpfter Schlag und dann läge ich dort auf dem Feld und wäre binnen weniger Minuten nicht mehr zu sehen, denn Flocke um Flocke würde mich der Schnee begraben. Man würde mich in den ersten warmen Tagen im April finden. Einen ganzen Winter lang liefe jeder einfach an mir vorbei. Nur wenige würden sich noch einmal umdrehen, sähen über die Felder aus Eis, würden ein Unbehagen spüren, einen Schatten. Sie würden sich fragen, ob sie ihrem Bauchgefühl folgen und nachsehen sollten und dann würden sie sich zur Ordnung rufen. Sie würden sich einreden, das sei Unfug und sich schämen so dazustehen, auf das verschneite Feld starrend. Ihnen würde einfallen, wie viel sie noch zu tun hatten und am Ende würden sie weiterlaufen.

Ich öffne meine Wohnungstür und der Schreck packt mich, ich höre etwas. Jemanden. Er kommt auf mich zu.

Was machst du hier?“, frage ich ihn und er lächelt.

Du bist spät“, sagt er.

Aber, ich war doch gerade bei dir?“

Was meinst du?“

Bin ich nicht vorhin..?“ verwirrt sehe ich mich um. Dies ist meine Wohnung und mein Haustürschlüssel. Ich habe damit aufgeschlossen. Er war schon innen. Wie kommt er hier rein und warum ist er mir nicht böse, er müsste doch..

Ich hab uns was gekocht“, sagt er und geht in die Küche.

Ich will sagen, dass ich keinen Hunger habe, dass mir alles zu viel ist, dass ich nicht mehr weiß, was real und was Traum ist, dass ich müde bin und allein sein möchte. Ich will ihm sagen, dass ich Träume habe, die mir wahrscheinlicher vorkommen als mein Alltag und dass ich so sehr hoffe, er könnte verstehen, wovon ich spreche. Aber ich lasse mich nur auf einen Stuhl fallen und lege meine Jacke über die Lehne.

Es schneit“, sage ich.

Ja“, sagt er, „man kann es sich nicht aussuchen“.

Veronika Kracher: Videospiele

In der Regel sind Videospiele Ermächtigungsfantasien. Sie ermöglichen uns für einige Stunden aus dem kapitalistischen Alltag, der uns immer wieder vor Augen führt, dass wir nicht viel mehr sind als ein kleines Rädchen im Getriebe, ein Wurm im Kompost, auszubrechen. Dann ist man kein unterbezahlte Angestellte mehr, sondern ein Monsterjäger, eine Weltraumheldin, ein sexy Halbdämon mit einem riesigen Schwert, kurz: die Person von deren Existenz oft nicht weniger als das Schicksal der Menschheit abhängt.

Diese Ermächtigung ist Teil der immensen Anziehungskraft von Videospielen: während wir im realen Leben permanent mit unserem eigenen Scheitern konfrontiert sind und Dinge in der Regel doch recht unzufriedenstellend ablaufen, erlauben uns Videospiele, den Lauf der Dinge nach unserem persönlichen Gusto zu gestalten. Das, was unsere Charaktere in Videospielen tun, hat in zu Recht populären Franchises wie „The Witcher“, „Mass Effect“ oder „Fallout“ Auswirkungen auf das Leben und die Zukunft von Millionen von Individuen. Uns gelingt es, eine Welt entweder zum Besseren zu wenden, oder auch, falls man dies möchte, mit Chaos und Zerstörung überziehen. Videospiele erlauben uns für einige Momente, so zu sein wie wir sein wollen, ohne die Schranken der herrschenden Verhältnisse.

Das macht Spaß und ist auch wirklich erholsam. Allerdings verschleiern Videospiele so, wie es allen kulturindustriellen Produkten nun einmal zu eigen ist, die gewaltförmige Zurichtung, die wir tagtäglich durch die kapitalistische Verwertungsmaschinerie erfahren. Man ist weniger geneigt zu reflektieren, wie beschissen die eigene Existenz von den äußeren Umständen gemacht wird, wenn man zum Trost nach der Lohnarbeit auf einem virtuellen Pferd durch den wilden Westen reiten kann.

Einige Videospiele haben es sich jedoch zur Aufgabe gemacht, diese Ermächtigungsfantasie gründlich zu dekonstruieren, uns auch im Spiel das Gefangensein vorzuführen, und uns über die Rolle, die wir im Spiel übernehmen, die Rolle, die uns innerhalb der Verhältnisse innewohnt, vorzuführen.

Da wäre zum Beispiel das pixelige „Papers, please“, in dem man als namenloser Wachposten der totalitären Nation Arstotzka seine Familie damit ernähren muss, das Land frei zu halten von Spionen, Terroristen, und jenen, die falsch ausgefüllte Ausweisdokumente vorlegen, Geflüchtete zum Beispiel. Anstatt das autokratische System zu besiegen, ist man selbst Teil dessen – der Ausbruch, so zeigt das Spiel auf, ist nicht möglich. Man ist schließlich für das Wohlergehen seiner Familie verantwortlich. Obwohl „Papers, please“ partiell sogar eine erschütternde und zermürbende Spielerfahrung ist, haben die EntwicklerInnen zahlreiche Preise davontragen können, da es aufzeige, wie äußere Umstände einen dazu zwingen können, die eigene Menschlichkeit zu verraten.

Ähnlich repressiv geht es in dem britischen Stealth-Game „We happy few“ zu. Um zu vergessen, dass man auf menschenunwürdigste Weise mit den Nazis kooperiert hat, pumpen sich die Bewohner_innen der Stadt Wellington Wells mit einer Droge namens „Joy“ zu, die jegliche Gewissensbisse und Zweifel durch geistestötende Glückseligkeit ersetzt. Fun ist ein verordnetes Stahlbad. Ein totalitäres Überwachungssystem spürt jene auf, die sich der Droge verweigern. In der Rolle des neurotischen Arthur Hastings versucht man, Wellington Wells zu entkommen. „We happy few“ ist ein ausgesprochen beklemmendes Spiel, das der Spielerin die Angst, entdeckt und somit Individualität, Erinnerungsvermögen und Bewusstsein beraubt zu werden, vermittelt. Jedes Mal, wenn Arthur jemanden töten muss, um sein Leben zu verteidigen, stößt er eine verzweifelte Entschuldigung hervor: er wolle das nicht. Manchmal fühle er sich sogar so, als würde er von einer fremden Macht gesteuert werden. „We happy few“ ist alles andere als eine Ermächtigungsfantasie, es führt viel mehr die eigene Machtlosigkeit, die man innerhalb einer totalitären Gesellschaft hat, vor Augen.

Ebenfalls von einer fremden Macht gesteuert ist Stanley, Protagonist von „The Stanley Parable“. Stanley sitzt den lieben langen Tag im Büro, seine Aufgabe ist es, ihm vorgegebene Knöpfe auf einer Tastatur zu drücken. Er macht das auch relativ gerne, ist glücklich damit. Bis eines Tages, so erzählt die Stimme des Erzählers aus dem Off, etwas anders ist im Büro. Wir folgen dem Erzähler, wenn er uns sagt, in welche Richtung Stanley geht, welche Türen er öffnet, Stanleys Handlungen werden von dem Narrativ des Erzählers vorgegeben. Was jedoch, wenn man sich den Anweisungen widersetzt? Nun, er wird sanktioniert, da er mit den Mechaniken des Spiels bricht. „The Stanley Parable“ ist eine beklemmende Metapher auf freien Willen, äußere Zwänge, und die eigene Handlungsunfähigkeit, von der selbst der Erzähler nicht verschont bleibt. So verlangt das Spiel an einer Stelle von Stanley, ein Passwort einzusprechen, um seinen Rechner zu starten – was aufgrund der Spielmechaniken nicht möglich ist. Der Erzähler des Spieles wird aufgrund Stanleys Unfähigkeit zu funktionieren so wütend, dass er der Spielerin verunmöglicht, weiter zu spielen, nur um anschließend die eigene Hilflosigkeit vor Augen zu führen. An anderer Stelle offeriert ein Achievement, falls man es fünf Jahre nicht spielt. Während andere Spiele stolz betonen, man könne sie gar nicht zur Seite legen, scheint „The Stanley Parable“ die KonsumentInnen dafür zu belohnen, es zur Seite gelegt zu haben, wie als würde es sagen: „Hey, du hast dich dem Spiel entzogen“. Das Spiel fordert seine SpielerInnen auf, sich dem vorgegebenen zu widersetzen und die Autorität des Erzählers und der Spielmechaniken selbst, grundlegend zu hinterfragen. The Stanley Parable“ nutzt fast schon avantgardistische Methoden, um das Konzept „Videospiel“ zu dekonstruieren, und uns stellvertretend für Stanley zu hinterfragen, inwieweit dieses System, in dem wir uns tagtäglich befinden, überhaupt einen Sinn ergibt.

Eine etwas versöhnlichere Variante des „Deconstruction Game“ ist das inzwischen zum Online-Hype aufgestiegene „Undertale“. In der Rolle eines Kindes erforscht man eine unterirdische, von Monstern bewohnte Welt, in der Hoffnung wieder an die Oberfläche zu gelangen. Es gibt mehrere Arten, wie man den Monstern begegnen kann: entweder man bekämpft sie, und erhält dafür – wie es sich scheinbar gehört – Erfahrungspunkte und somit neue Level. Eine andere Möglichkeit ist jedoch, sich mit diesen Monstern anzufreunden, dies wird jedoch nicht mit Erfahrung und somit einem stärkeren Charakter belohnt. Entschließt sich die Spielerin, den schnellen Weg zu gehen und den Monstern den Garaus zu machen, verändert sich das Spiel auf signifikante Weise: die Musik wird verzerrt, die Geschäfte sind leer, man hat gar keine Begegnungen mit Monstern mehr – als seien sie allesamt geflohen. Weil, so dämmert es: man zu einem Massenmörder geworden ist, der alles vernichtet, was in dieser Unterwelt lebt. Es scheint, als würde das Spiel selbst versuchen, die Spielerin daran zu hindern, diesen Genozid weiter auszuführen: gegen Ende wird man von einem Charakter, der, würde man einen friedlichen Weg gehen die Spielwelt zu erforschen, ein freundlich gesinnter Mentor ist, zu einem Kampf herausgefordert dessen Schwierigkeit und Komplexität seines gleichen sucht. Es ist so gut wie unmöglich, ihn zu gewinnen. Gibt man jedoch nicht auf, und verfolgt weiter unerbittlich die unter den Fans als „No Mercy“-Route bekannten Weg, alles zu ermorden was die Flucht nicht geschafft hat, wird die Spieldatei grundlegend verändert, ja fast schon korrumpiert. Jeder neue Spielstand, den man beginnt, trägt Hinweise darauf dass man dem virtuellen Massenmord gefrönt hat, der in so vielen anderen Spielen ein durch Killcounts ausgezeichnetes lustiges Achievement ist.

Ähnlich wie „The Stanley Parable“ weist auch „Undertale“ Spielmechaniken auf, die auf die Künstlichkeit des Spiels hinweisen und dem immer omnipräsenter werdenden Anspruch an absoluten Realismus (für den „Read Dead Redemption 2“ ein herausragendes Beispiel ist) zu brechen. Damit könnte man sie fast in der Tradition dessen sehen, was der marxistische Literaturwissenschaftler Peter Bürger in Anlehnung an Walter Benjamin das „allegorische Kunswerk“ nannte: während das „symbolische Kunstwerk“ durch seine vermeintliche Natürlichkeit eine Versöhnung zwischen dem Allgemeinen und Besonderen suggeriert, führt das avantgardistische, allegorische Werk seine Gemachtheit deutlich vor Augen. Somit bricht es auf ästhetische Art und Weise mit der bürgerlichen Gesellschaft und dem Kulturbetrieb und vermittelt der Betrachterin ein Gefühl von Verstörung, von einem Bruch mit den herrschenden Verhältnissen. Ein ähnliches Gefühl wird bei dem Spielen von „Papers, please“ oder vor allem „The Stanley Parable“ vermittelt.

Die genannten Spiele beweisen, dass Videospielen durchaus alleine schon ihrer Form bedingt subversives Potential innewohnen kann. Wir müssen endlich beginnen, Videospiele als Kunstwerke ernst zu nehmen, um dieses Potential weiter erforschen zu können.

Roland van Oystern: Die geile neue Grafik

Deutschland: August 1992. Endlich war Ritschi wieder da. Er rief mich sogar an: „Du kannst vorbeikommen.“

Ich schwang mich aufs Rad. In Ritschis Zimmer waren die Rollläden runter, diesmal ganz. Es leuchtete aus der Glotze, dazu Gedüdel. Normal beim Konsolenspiel. Kannte ich schon. Dass der Senker da war, kannte ich auch schon.

„Echt jetzt?“, moserte das Vieh. „Du hast da einen nagelneuen Super NES und lässt deinen besten Kumpel nicht spielen?“ Was hatte Ritschi bloß mit dem? Nur weil er sein Nachbar war. Ständig hing der einem auf der Pelle. Befruchtete mich null, der Typ. „Dass du den kleinen Scheißer lieber nicht ranlässt, kann ich ja verstehen, aber …“

„Ey, sülz mich nicht voll, Senker. Ihr müsst mich auch verstehen. Ich hab das Ding heute angeschlossen. Ich kann auf keinen Fall heute schon abgeben. Zuerst dachte ich, okay vielleicht. Aber ey, geht einfach nicht! Ich muss das locker erst mal eine Woche allein spielen. Vielleicht kann ich Ende der Woche mal abgeben, weiß ich jetzt noch nicht. Ihr könnt eigentlich schon froh sein, dass ihr zuschauen dürft. Ey, andere würden was darum geben, wenigstens zuschauen zu dürfen. Wenn’s euch nicht passt, könnt ihr ja draußen Würmer sammeln.“

Das galt aus meiner Sicht alles nur für den Senker. Ich wollte gar nicht drankommen. Ich bin bei der alten Konsole schon ein paarmal drangekommen, da war ich immer sofort Game Over. War mir ganz recht, nicht dranzukommen.

„Ey, das ist so abgefahren, wie ich gestern ernsthaft noch geglaubt hab, der NES hätte ’ne geile Grafik! Den kann ich halt wegwerfen jetzt. Oder einem von euch verkaufen. Obwohl, Raini hat ja keine Kohle als Erstklässler. Bekommst du jetzt eigentlich nicht mal bald Taschengeld? Bisschen was ist der nämlich schon noch wert. Was ist mit dir, Senker? Wenn man nicht an die geile neue Grafik gewöhnt ist, bringt’s die alte auch. Direkt schlecht ist die ja nicht. Für ’nen Hunderter geb ich ihn her.“

„Ey, ich hab keinen Hunderter!“

„Überleg’s dir. Du kannst jetzt gehen, dann gewöhnst du dich nicht an die neue Grafik. Ist vielleicht besser.“

„Ich hab keine hundert Mark.“

„Ich weiß genau, dass du noch mindestens Hundert hast. Letztes Jahr Weihnachten hast du Hundert gekriegt und dir seitdem so gut wie nichts gekauft. Da sind locker noch Siebzig übrig. Dann gab’s zum Geburtstag Fünfzig, damit hast du eh angegeben, und obendrein noch die ganze Firmungskohle! Weiß der Geier, wie viel du da noch übrig hast. Du bist echt so ein Lügner, Senker.“

„Bin ich überhaupt nicht!“

„Und wo ist die Kohle dann? Hundert Mark sind echt gar nichts, neu kostet so ein Teil viermal soviel! Weißt du, was andere gebraucht noch haben wollen? Hundert Mark sind der absolute Freundschaftspreis. Weißt du, was mich das kostet, doppelt so viel dafür zu kassieren? Das kostet mich ein müdes Arschrunzeln!“

„Ich hab trotzdem keine Hundert.“

„Lüge.“

„Nein, ehrlich.“

„Was hast du dann mit der Kohle gemacht? Sag schon.“

Der Senker kirchenstill. Senker und das Schweigen im Wald. Und gleich im Anschluss: Senker und das Schweigen im Wald Teil 2.

„Ey, sag schon, du Krüppel!“

„Zufällig ist die Kohle auf der Bank, fest angelegt!“

„Bist du bescheuert? Du hast die ganze Kohle angelegt?“

„Das war nicht meine Entscheidung!“

„Auf wie lang?“

„Was weiß ich.“

„Sag schon, auf wie lang?“

„Ich komm da nicht mehr ran. Ich kann auch nichts machen.“

„’ne schöne Pfeife bist du. Und ich bleib jetzt auf dem Ding sitzen, oder was?“

„Sorry, Mann.“

„Von wegen sorry, du hast deine scheiß Kohle doch absichtlich zur Bank gebracht!“

„Gar nicht!“

„Ja ja, sülz mich voll.“

Ritschi drückte auf Pause. Der Senker fläzte im Sessel, ich saß neben Ritschi auf der Couch. „Okay, ich brauch eine Verschnaufpause!“ Ritschi ließ seine Finger knacken, das hätte ich auch gern gekonnt. „Nach einer Zeit tun dir richtig die Knöchel weh, glaubt’s mir oder nicht, da hilft bloß ein bisschen Sport!“ Zack, sprang er auf die Couch, streckte sich bis zur Decke, setzte sich auf meinen Kopf und drückte einen ab.

„Hey!“, rief ich.

„Der drückt mich nicht mehr!“

Der Senker johlte, kriegte sich kaum noch ein: „Olé, olé. Bumsbomber, olé!“

„Ruhe jetzt“, sagte Ritschi. „Weiter geht’s!“

Und weiter ging’s. In meinem Schädel merkte ich die Vibration. Da war sie: ganz schwach, aber da. Ich hatte noch nie einen Furz auf den Kopf bekommen. Wäre es nicht blöd gemeint gewesen, hätte es sich vielleicht sogar gut angefühlt.

Andreas Lugauer: Das Videospiel der Kläranlage

2000 muss es gewesen sein, als ich in den großen Ferien zwischen achter und neunter Klasse zwei Wochen lang beim Gemeindebauhof arbeitete. Also bei derjenigen Einrichtung, die sich um alles, was im Ort so anfällt, «kümmert».

Zugeteilt war ich dabei dem Hermann. Hermann war Mitte 40 und Mitglied beim örtlichen Trinkverein «Fort Dimple» (Kenner kennen den gleichnamigen Whiskey). Da kam es sonntagnachts schon mal vor, dass er diesen als einer der letzten verließ mit den erstaunten Worten: «Ah ja, morgen ist ja Montag!»
Beim Bauhof war er zuständig u.a. fürs Mähen der örtlichen Grünanlagen sowie die Überwachung der gemeindlichen Kläranlage.

Am ersten Tag, an dem ich dort arbeitete, war er wohl etwas damit überfordert, dass ihm plötzlich ein Partner an die Seite gestellt wurde. Mit einem Einsatzfahrzeug des Bauhofs fuhren wir als erstes zur Kläranlage. Er wollte dort wohl anfangs der Woche mal wieder nach dem Rechten sehen.

Dort angekommen sollte ich mich zunächst einfach zu ihm ins gute Stübchen setzen, wo sein Kläranlagenwärterschreibtisch stand, ein Busenkalender hing und im Nebenraum die ganzen elektonischen Viktualienschränke für die Steuerung der Kläranlage aufgebaut waren. Weiter gab’s dann gerade nichts, einfach warten, bis sich was zu tun auftut.

Plötzlich ein Anruf. Hermann musste ausrücken, er wurde irgendwo gebraucht kurz. Mitzukommen brauche ich nicht extra, ich könne hier warten. «Da drüben in der Garage steht ein Besen – wenn jemand kommt, tust du halt so, als würdest du den Hof zusammenkehren.» Ich schwöre, ich lüge nicht! Die Anweisung lautete, so zu tun, als würde ich den Hof zusammenkehren.

Wenn mir jedoch langweilig werden sollte, dann könne ich ja was spielen. Und damit leitete Hermann DAS UNGLAUBLICHE ein: Wir gingen in den Nebenraum mit den Schaltschränken der Kläranlagensteuerung, wo er mir deren Farbdisplay zeigte. Dort drückte er ein bisschen herum und rief plötzlich ein Computerspiel auf. Kein Witz, ich schwöre!

Es war so ein altes Vierfarbspiel, in dem man ein Unterseeboot von links nach rechts durch einen Tunnel steuern musste und allerhand von oben und unten in die Fahrbahn ragenden Felsen auszuweichen hatte. Gewalt gab’s meiner Erinnerung nach keine, d.h. keine Gegner, die einen angriffen und auszuschalten waren oder so.

Jedenfalls dachte ich: «Geil ey, hoffentlich bleibt Hermann recht lang weg!», und aber auch: «Ich pack’s nicht mehr ey, das ist hier die Steuerung der Anlage zur Klärung der Gemeindescheiße, und da ist ein verdammtes Computerspiel drauf!» Videospiel sagte ich nie, immer nur Computerspiel oder, obwohl recht sperrig auszusprechen, Playstationspiel.

Auf den Gedanken, das Spiel zu beenden und Quatsch mit der Kläranlage anzustellen, kam ich leider nicht. Aber ich wollte ja beim Unterwasserspiel möglichst weit kommen! (Wie weit ich kam, weiß ich leider nicht mehr.)

Bevor Hermann wieder kam, schaute ich mir auch noch den Kalender an übrigens. Ein Glück, dass die Monate Januar–Juli nicht abgerissen, sondern nach hinten geklappt waren. Ob er «gut» war, weiß ich auch nicht mehr.

Ach, wo ich hier schon beim Erzählen bin, interessiert vielleicht die ein oder andere da hier auch noch: An einem anderen Tag nahm Hermann mich mit zum Rasenmähen. Er war derjenige, der mit dem coolen Rasenmähfahrzeug (mit Führerkabinchen!) seine Runden über die Fußballplätze zog. Dessen Lenkrad hatte so einen Knopf drauf, mit dem man so lässig einhändig lenken konnte.

Meine Aufgabe war es, mit dem Normalmäher (na toll!) die Stellen zu mähen, wo er nicht hinkam. Das war schnell erledigt und so ging ich zu ihm hin, um zu fragen, was ich nun tun solle. Dass ich «mal fahren» dürfe, sagte er leider nicht, aber: Ob ich eine Halbe Bier möge. Wie alt ich sei, 14, «ja OK, aber du musst mir versprechen, davon nicht betrunken zu werden.»

Das versprach ich ihm glatt und saß sogleich mit einer Halben Karmeliten Klostergold auf einer Bank.

Ein andermal waren die Rasen auf den örtlichen Kreisverkehrinseln zu mähen. Hermann fuhr mich zu den Inseln hin, wir luden alles ab, dann fuhr er wieder und beschied mir vorher: «Mähst alles fertig und wartest dann halt, bis ich dich wieder hole.» Naja, so Inseln sind schnell gemäht, Hermann ließ sich aber immer gut Zeit. Und so saß ich dann leicht mal 20–30 Minuten auf einem dieser halbmeterhohen Kreisverkehrbegrenzungssteine herum und langweilte mich fürchterlich. Es gab damals ja noch kein mobiles Internet, wie wir es heute kennen! Und deswegen – hier schließt sich der Kreis und schießt alles zusammen, Freunde – kann ich auch leider keinen Screenshot posten heute.

Ach, und einmal durfte ich sogar einen der Rasenmäher steuern, die einen Antriebsmotor hatten. Aber das ist eine andere Geschichte. (Offenlegung: Dazu fällt mir jetzt nichts Interessantes ein.)