Andreas Lugauer: Yves Eigenrauch

Einleitung

Es ist an der Zeit, sich festzulegen: Der lustig-schönste Name aller Zeiten und Länder und eines Helden überhaupt ist der des langjährigen Abwehrspielers des FC Schalke 04 >Yves Eigenrauch<.

Yves Eigenrauch.

Yves Eigenrauch hat für einen Verteidiger eine bemerkenswerte Fairplay-Bilanz. Er [d.i. Yves Eigenrauch] erhielt in seiner gesamten Bundesligazeit nur 15 gelbe Karten, keine einzige rote Karte und – das muss dazugesagt werden –, Yves Eigenrauch verteilte die 15 gelben Karten sehr geschickt auf seine Profikarriere, denn: Yves Eigenrauch war nie gesperrt, wie es einem in der Herren-Fußballbundesliga nach der fünften gelben Karte in Folge geschieht. Opa meinte zwar, der fairste Spieler der Welt sei der Brasilianer Eusebio gewesen, aber »fair« hat, neben »fair«, einen viel schöneren Namen:
Yves Eigenrauch.

»Der Schiri brauchte kaum einzugreifen, denn das Spiel verlief sehr yveseigenrauch.«
»Alles eine Frage der Yveseigenrauchness!«
»Mein Play heißt Yveseigenrauchplay!«

Fairnesssätze, wie sie schöner kaum sein könnten.

Eigenrauch, ~Yves~ Eigenrauch. (Gut, dass ich nicht Eigenrauch heiße. Denn wie die Kinder benamsen als mit Yves?! Das heißt vielmehr: schade! Denn wenn ich eine Tochter erwartete, ich könnte sie Eve nennen.)
Yves Eigenrauch.

»Sag mal, ist das nicht ein kleins zu viel des Yveseigenrauchlobs?« Nein, das ist schon füglich richtig so, denn wenneiner des Lobes bedarf, weil er so sehr der Selbstbeweihräucherung enträt, ja qua Namen entraten muss, dann Yves Eigenrauch. Gelobt sei dein Name, Yves Eigenrauch.

Yves Eigenrauch.


Yves Eigenrauch Fakten

1)
Yves Eigenrauch hat in einem Spiel den damaligen brasilianischen Weltfußballer Ronaldo komplett abgemeldet. Ronaldo musste sich danach beim Verband einen neuen Spielerpass ausstellen lassen, einen neuen Spielervertrag mit seinem Verein abschließen, zum Einwohnermeldeamt gehen, Gas, Wasser, Telefon/Internet und Mülltonne wieder anmelden, Qualitätszeitung, Käseblatt und Zeitschriften wieder abonnieren, Versicherungspolicen neu abschließen, allerhand auf der Sparkasse erledigen etc. Bei vielem wurden ihm aber bessere Konditionen eingeräumt, so dass Ronaldo am Ende zwar einiges Nerviges zu erledigen hatte, finanziell aber besser dastand.
Danke, Yves Eigenrauch!

2)
Yves Eigenrauch kam vor seinem ersten Profieinsatz nur deswegen in den Kader, weil Mitspieler vor einem Auswärtsspiel in der Mittagspause Backgammon gespielt hatten und dafür aus dem Kader geschmissen worden waren.
Wollte Yves Eigenrauch überhaupt Profi werden? Yves Eigenrauch: «Nö.»
Yves Eigenrauch war einer, der es schaffte, obwohl er gar nicht wollte.

3)
Und einmal hätte Yves Eigenrauch beinahe eine Musikerkarriere begonnen. Der schwedische Gitarrengöttervater Yngwie Malmsteen nämlich kam auf ihn zu und meinte: «Hey, you have a pretty cool name, Yves Eigenrauch! How ’bout making some music together? We could be a duo called Ai Y. Y., or, wait, better: Yngwie Malmsteen and the Ownsmoke Yves!»
Yves Eigenrauch überlegte nicht lange und sagte, obschon er außer der Blutbratsche in fair-moll kein Instrument konnte:«Yeah, Yngwie, y not!», weil yngwie irgendwie würde er sich schon einbringen können im Studio, und an Kultur war er eh interessiert. Im Mannschaftsbus war Yves Eigenrauch es gewesen, der stets hinter einem Buch gesessen und so z.B. Dürrenmatt zu einer sehr obskuren Lektüreumgebung verholfen hatte.

Als Yngwies Management schließlich auf Yves Eigenrauchs Festnetzanschluss anrief, um ihm den Studiotermin durchzugeben – da war’s mit Yves’ möglicher Musikerkarriere
auch schon wieder vorbei! Yves Eigenrauch hatte nämlich, obwohl spiel- und trainingsfrei, an dem Termin schon was anderes vor. Wie schon beim zehnjährigen Jubiläum des Uefa-Cup-Gewinns der Schalker!

Da war Yves Eigenrauch nämlich zelten gewesen. (Offenlegung: Tatsache!) Man hatte ihm erst vier oder fünf Wochen vorher Bescheid gesagt, und da muss man Yves Eigenrauch erlauben, dass er eventuell auch etwas anderes geplant haben könnte.

(Es war toll gewesen dort, unterhalb der Müritz, am Leppinsee. Dort war er mit dem Schlauchboot gefahren und das Wetter nett gewesen, wie Yves Eigenrauch der Wochenzeitung «Die Zeit» verriet.)

4)
Yves Eigenrauchs Name «öffnet Türen» (Yves Eigenrauch).
Wahrscheinlich hat Yves Eigenrauch eine Alarmanlage mit Buchstabencode.

5)
Yves Eigenrauch wohnt in einer kleinen Mietwohnung, die er durchsaugen kann, ohne den Staubsauger umzustöpseln. Gut, nicht ganz, einmal muss er umstöpseln.

Andreas Lugauer: Das Videospiel der Kläranlage

2000 muss es gewesen sein, als ich in den großen Ferien zwischen achter und neunter Klasse zwei Wochen lang beim Gemeindebauhof arbeitete. Also bei derjenigen Einrichtung, die sich um alles, was im Ort so anfällt, «kümmert».

Zugeteilt war ich dabei dem Hermann. Hermann war Mitte 40 und Mitglied beim örtlichen Trinkverein «Fort Dimple» (Kenner kennen den gleichnamigen Whiskey). Da kam es sonntagnachts schon mal vor, dass er diesen als einer der letzten verließ mit den erstaunten Worten: «Ah ja, morgen ist ja Montag!»
Beim Bauhof war er zuständig u.a. fürs Mähen der örtlichen Grünanlagen sowie die Überwachung der gemeindlichen Kläranlage.

Am ersten Tag, an dem ich dort arbeitete, war er wohl etwas damit überfordert, dass ihm plötzlich ein Partner an die Seite gestellt wurde. Mit einem Einsatzfahrzeug des Bauhofs fuhren wir als erstes zur Kläranlage. Er wollte dort wohl anfangs der Woche mal wieder nach dem Rechten sehen.

Dort angekommen sollte ich mich zunächst einfach zu ihm ins gute Stübchen setzen, wo sein Kläranlagenwärterschreibtisch stand, ein Busenkalender hing und im Nebenraum die ganzen elektonischen Viktualienschränke für die Steuerung der Kläranlage aufgebaut waren. Weiter gab’s dann gerade nichts, einfach warten, bis sich was zu tun auftut.

Plötzlich ein Anruf. Hermann musste ausrücken, er wurde irgendwo gebraucht kurz. Mitzukommen brauche ich nicht extra, ich könne hier warten. «Da drüben in der Garage steht ein Besen – wenn jemand kommt, tust du halt so, als würdest du den Hof zusammenkehren.» Ich schwöre, ich lüge nicht! Die Anweisung lautete, so zu tun, als würde ich den Hof zusammenkehren.

Wenn mir jedoch langweilig werden sollte, dann könne ich ja was spielen. Und damit leitete Hermann DAS UNGLAUBLICHE ein: Wir gingen in den Nebenraum mit den Schaltschränken der Kläranlagensteuerung, wo er mir deren Farbdisplay zeigte. Dort drückte er ein bisschen herum und rief plötzlich ein Computerspiel auf. Kein Witz, ich schwöre!

Es war so ein altes Vierfarbspiel, in dem man ein Unterseeboot von links nach rechts durch einen Tunnel steuern musste und allerhand von oben und unten in die Fahrbahn ragenden Felsen auszuweichen hatte. Gewalt gab’s meiner Erinnerung nach keine, d.h. keine Gegner, die einen angriffen und auszuschalten waren oder so.

Jedenfalls dachte ich: «Geil ey, hoffentlich bleibt Hermann recht lang weg!», und aber auch: «Ich pack’s nicht mehr ey, das ist hier die Steuerung der Anlage zur Klärung der Gemeindescheiße, und da ist ein verdammtes Computerspiel drauf!» Videospiel sagte ich nie, immer nur Computerspiel oder, obwohl recht sperrig auszusprechen, Playstationspiel.

Auf den Gedanken, das Spiel zu beenden und Quatsch mit der Kläranlage anzustellen, kam ich leider nicht. Aber ich wollte ja beim Unterwasserspiel möglichst weit kommen! (Wie weit ich kam, weiß ich leider nicht mehr.)

Bevor Hermann wieder kam, schaute ich mir auch noch den Kalender an übrigens. Ein Glück, dass die Monate Januar–Juli nicht abgerissen, sondern nach hinten geklappt waren. Ob er «gut» war, weiß ich auch nicht mehr.

Ach, wo ich hier schon beim Erzählen bin, interessiert vielleicht die ein oder andere da hier auch noch: An einem anderen Tag nahm Hermann mich mit zum Rasenmähen. Er war derjenige, der mit dem coolen Rasenmähfahrzeug (mit Führerkabinchen!) seine Runden über die Fußballplätze zog. Dessen Lenkrad hatte so einen Knopf drauf, mit dem man so lässig einhändig lenken konnte.

Meine Aufgabe war es, mit dem Normalmäher (na toll!) die Stellen zu mähen, wo er nicht hinkam. Das war schnell erledigt und so ging ich zu ihm hin, um zu fragen, was ich nun tun solle. Dass ich «mal fahren» dürfe, sagte er leider nicht, aber: Ob ich eine Halbe Bier möge. Wie alt ich sei, 14, «ja OK, aber du musst mir versprechen, davon nicht betrunken zu werden.»

Das versprach ich ihm glatt und saß sogleich mit einer Halben Karmeliten Klostergold auf einer Bank.

Ein andermal waren die Rasen auf den örtlichen Kreisverkehrinseln zu mähen. Hermann fuhr mich zu den Inseln hin, wir luden alles ab, dann fuhr er wieder und beschied mir vorher: «Mähst alles fertig und wartest dann halt, bis ich dich wieder hole.» Naja, so Inseln sind schnell gemäht, Hermann ließ sich aber immer gut Zeit. Und so saß ich dann leicht mal 20–30 Minuten auf einem dieser halbmeterhohen Kreisverkehrbegrenzungssteine herum und langweilte mich fürchterlich. Es gab damals ja noch kein mobiles Internet, wie wir es heute kennen! Und deswegen – hier schließt sich der Kreis und schießt alles zusammen, Freunde – kann ich auch leider keinen Screenshot posten heute.

Ach, und einmal durfte ich sogar einen der Rasenmäher steuern, die einen Antriebsmotor hatten. Aber das ist eine andere Geschichte. (Offenlegung: Dazu fällt mir jetzt nichts Interessantes ein.)

Andreas Lugauer: Wetterbericht

Und nun der Wetterbericht für morgen, Montag, den 10. Dezember:

Vormittags ist es heiter bis wolkig, der Wind weht schwach aus wechselnden Richtungen. Am Nachmittag treten vereinzelt Kieselschauer und Schwefelgewitter auf, abwechselnd gefolgt von flächendeckenden Feuerstürmen und Pestwinden am Abend. Die Flüsse führen vormittags Essig und ab Mittag Galle, abends Quecksilber. Die Temperaturen: vormittags Höchstwerte um 18 Grad, ab Mittag Hitze wie in der Sauna (finnisch, ganz oben) bei sinkender Luftfeuchtigkeit.

Nach einem rasch aufgezogenen Kältesturm mit schwallartigen Eisregenschauern, Harnsteinhagel und Kugelblitzen zur Abenddämmerung weht nach Sonnenuntergang kaum mehr ein Windhauch. Es herrschen eisige Stille und noch eisigere Temperaturen. Die Flüsse stocken zäh. Der Pestnebel gefriert über dem Boden. Asche regnet. Die Toten erheben sich aus ihren Gräbern und wittern die verbliebenen Todgeweihten. Kein Stern ziert das Firmament, der Mond sinkt schwarz. Menschen, Tiere, Pflanzen ersterben. Dunkelheit regiert.

Es fährt Freund Hein die Ernte ein,
Es freit allein der Sensenmann,
Es ziert die Erd’ nichts als Gebein,
Bar jeden Sinns sind ‹wo?› und ‹wann?›

Die weiteren Aussichten: Am Dienstagmorgen zieht das nächtliche Tief nach Skandinavien und macht den Weg frei für Warmluft aus der Sahara, welche uns einen herrlichen Arbeitstag bescheren wird! Dieses Hoch hält bis Freitag an, die Nächte werden weißbierkühl. Samstag und Sonntag dieselbe Scheiße wie morgen.

Andreas Lugauer: U-Bahn-Türen

Leute, die ihr bei manuellen U-Bahntüren nur einen Flügel öffnet – eure Strafe in der Hölle sei eine ewige U-Bahnfahrt, ohne Ausstieg, ohne Endstation, es möge dabei immer morgendlicher Werktagsverkehr herrschen, alle Sitzplätze sollen belegt sein, die Stehplätze auch und euer Kopf möge angeschmiegt werden von Schultern, Oberarme sollen euch einklemmen links und rechts und vorne und hinten, Hutkrempen mögen in einer Tour euer Gesicht streicheln und Pelzkrägen ebenso, Hunde eure Hände ablecken, sämtliche Handschlaufen mögen vollgeniest sein mit gelbem und grünem und meinetwegen auch weißlichem Lungenauswurf, Heuschrecken sollen durchs Abteil schwärmen, Frösche eure Hosenbeine hochschleimen, Mücken und Fliegen in eurem nassgeschwitzten Kragen sitzen, Stroh soll herumliegen und ihr euch fragen warum, an jeder Haltestelle mögen Abgase ins Abteil schwallen (und zwar durch vollständig geöffnete Türen!), der Schaffner möge fortwährend unverständliche Durchsagen machen, die verstanden zu haben ihr bestätigen müsst, nach jeder Station sollt ihr kontrolliert und wegen Schwarzfahrens zur Strafkasse geschickt werden, Harn- und Stuhldrang möge euch plagen bis kurz vorm Zerreißen und jede Haltstelle soll aus nichts als Toiletten bestehen (dumm nur, dass ihr ja nie aussteigen könnt), in Erbrochenem von Wochenendnachtfahrgästen sollt ihr stehen bis zu den Knöcheln, der Schweiß soll nicht nur die Fenster beschlagen, sondern auch von der Decke tropfen, der U-Bahnfahrer soll in die U-Bahnhöfe bremsruckeln, dass es euch fast auskommt, der Fahrgast neben euch möge Elektro hören, als sei Samstagnacht im Club, in den Kreißsaal sollt ihr dringend müssen und auf eine Beerdigung, zu einer Prüfung wie zur Konkursverhinderung eurer Firma, der Blinddarm möge euch plagen in der Größe vom Schoße bis zum Halse, die rettenden Insulinspritzen mögen in den U-Bahnhöfen bereitstehen (dumm nur, dass ihr ja nicht aussteigen könnt), euer Vater möge euch vom vorderen Abteilende beäugen und eure Mutter vom hinteren, die Lampen sollen flackern und [Fragment]

Andreas Lugauer

(*1986 in Straubing/Niederbayern) west in Nürnberg-West und studiert Geisteswissenschaftliches und Allzugeisteswissenschaftliches in Erlangen. Er würde aber nicht sagen, dass er nach Erlangen pendelt, weil das ja hieße, dass er sich sofort nach der Ankunft in Erlangen wieder auf den Rückweg nach Nürnberg machen würde, und das stimmt einfach nicht. Am liebsten hätte er geschrieben, er erledige seine Biographie hauptsächlich in Nürnberg usw., aber diese hübsche Formulierung hat sich Max Goldt ausgedacht und die nicht gekennzeichnete Verwendung wäre unredlich (die gekennzeichnete hingegen ungelenk).
Nur ungern geboren, schreibt er zur Verarbeitung der ganzen Scheiße komische Miniaturen, Allotria und Quisquilien ins Facebook hinein, was die Leute mit durchschnittlich 0–9 Likes honorieren. Seine größten Hits: 3+x Beiträge im endgültigen Satiremagazin »Titanic«.
In einer Art fortlaufender Gesammelter Schriften veröffentlicht er seine Texte auf seinem Blog Salon du Fromage.

Anmerkung: A. Lugauer ist bis heute bester und einziger* erster WordPress-Abonnent von Eisi und Meisi. Dafür kriegt er unter Umständen bald einen Orden verliehen. Wahrscheinlich aber nicht (keine Zeit). Gez.: H.K.E.

*aberkannt etwa November 2018

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Andreas Lugauer bei EBMD:

Andreas Lugauer: Der Kokon des Philosophen

Weniges ist so gehaltlos und doch so unterhaltsam wie Klatsch und Tratsch. Dies gilt freilich auch für die Damen und Herren Philosophinnen und Philosophen. Gassenhauer im Philosophen-Gossip ist seit je das privathäusliche Verhalten des berühmtesten deutschen Idealisten, Immanuel Kant aus Königsberg. Was für eine wunderliche, neurotische Type er gewesen sein muss: Sein Tagesablauf war streng geplant, vom pünktlichen Aufstehen um 5 Uhr morgens über die nach dem Frühstück abgeleistete Arbeit in der Studierstube, die Vorlesungstätigkeit an der Universität und das Mittagsmahl im Kreis von Freunden – alles ging so pünktlich vonstatten, dass Zeitgenossen raunten, nach Kants Gewohnheiten könne man die Uhr stellen. Lagen die Schreibutensilien nicht an ihrer zugewiesenen Position oder stand ein Stuhl nicht dort, wo er sollte, befiel ihn schon die Unruhe. Dass Kant zeitlebens unverheiratet und kinderlos war, es lag wohl auch daran, dass mit der Zahl der Hausbewohner die Gefahr steigt, dass Gegenstände entwurzelt werden. Also lachte er sich nur einen Diener an.

Dieser Diener, Martin Lampe, hatte ihn jeden Morgen pünktlich zur selben Zeit zu wecken. Wie berichtet wird, war die Schlafenszeit in Kants Stundenplan wie alles andere genau geregelt: jede Nacht von 22 Uhr bis Viertel vor fünf Uhr. Mehr, das wäre Kant gefährlich erschienen. War er doch der Ansicht, jedem Menschen sei vom Schicksal eine bestimmte Portion Schlaf zugemessen worden. Wer in seinen besten Jahren zu viel Zeit damit verbringe, verbrauche sein Kontingent zu schnell und brauche sich gar nicht einzubilden, alt werden zu können – denn wer sein Pensum verschlafen hat, muss sterben.

Sterben, so scheint es, wollte Kant offenbar im Schlaf. Wie ein unbekannt bleibender und wahrscheinlich auch unbekannt bleibend wollender Zeitgenosse enthüllte, hatte Kant eine besondere Fertigkeit, sich in seine Decke einzuwickeln: Er schwang sich in die Matratze, zog einen Zipfel der Decke über seine Schulter unter dem Rücken durch bis zur anderen und – so der anonyme Zeitgenosse: durch eine einzigartige Geschicklichkeit! – auf die gleiche Weise auch den anderen Deckenzipfel, diesen jedoch nach vorne bis zum Oberkörper, sodass er schließlich eingesponnen dalag wie in einem Kokon; und damit für den Fall des nächtlichen Ablebens gleich praktisch eingewickelt zum Abtransport ins Leichenhaus. Kenner der Kantischen Philosophie mögen zustimmen: ebenso, wie man sich diesen Einwickelvorgang nur schwer vorstellen kann, kann man sich allzu oft kaum vorstellen, was Kant mit dem, was er schrieb, meinte, weil er seine Sätze derart über die Zeilen wand und schraubte und verschachtelte und, ja, wickelte, dass du dir beim Lesen meist wie eingesponnen vorkommst und dir, an besonders schwierigen Stellen, durchaus auch den Abtransport ins Leichenhaus wünschst.

Aber – was geht’s uns eigentlich an, wie sich dieser berühmteste aller deutschen Philosophen ins Bett legte? Richtig, die Anonymität des Ausplauderers legt es schon nahe: nichts. Wie es ja, außer der Familie und sonstigen Intimbekanntschaften, eigentlich überhaupt niemanden etwas angeht, wie sich irgend jemand einbildet, sich ins Bett legen zu müssen. Nahe liegt jedoch auch der Verdacht, dass es sich bei der Kolportage von Kants Marotten und Neurosen um eine Art Vergeltung all derer handelt, die, den Verfasser eingeschlossen, letztlich doch nicht so ganz kapieren, was Kant philosophisch zustande brachte. Die aber, wenn die Rede auf den Königsberger Philosophen kommt, immerhin sofort etwas daherzureden wissen, und wenn’s auch nur die Bettgeschichte ist. Klatsch und Tratsch gehen schließlich immer.