Swami Durchananda: Gespräch mit der Heiligen Kuh Maria Bai Ji

MARIA BAI JI: saug , du sau, saug
ER: stotter nicht,
MARIA BAI JI: eine Melkmaschine kann das besser als du.
ER: Mir fehlen halt auch die Zähne , da schlabbert auch vieles über die Backen. Ausserdem vertrage ich keine Milch, deshalb bekommt mir Hafermilch besser?
MARIA BAI JI: Du vertust dich grad gewaltig, ich bin kein Pferd. Und Pferde geben keine Hafermilch, ausserdem wiehern die wenn sie gemolken werde,
ER: Da bist du nicht besser, du muuhst sogar.
MARIA BAI JI: Na besser  als ihr wenn ihr MenschenEure Kinder die Brustwarzen leer saugen lässt. Wonach schmeckt die Menschenmuttermilch denn eigentlich?
ER: Nun etwas süsslich, aber genau daran erinnern kann ich mich nicht mehr.
MARIA BAI JI: Du scheinst überhaupt alles vergessen zu haben , jetzt verirrst du dich sogar zu Menschenmänner penisse.
ER: Was du Kuh alles von uns Menschen so weisst.
MARIA BAI JI: Ich hab dich ja neulich bei uns im Kuhstall heimlich das machen gesehen.
ER: Du alte Spannerin. Das geht zu weit.
MARIA BAI JI: Ja , das ganze Thema etwas downstairs  gesehen geht zu weit. Das kannst du in Bayern , gar nicht vorlesen, im Radio Z.
ER: Was , glaubst Du? Das werden wir sehen und hören, wetten das?
MARIA BAI JI: Wetten das gibts nicht mehr und jetzt saug mir nochmals die Milch aus dem Euter, ich werde kalt da unten. Ok!!!

(Sauggeräusche,Ende)

Martin Knepper: Über Jean Paul

Wenn wir unter unseren Hörern oder in einer beliebigen anderen Gruppe von Menschen nach Autoren fragen würden, die sie mit dem Begriff ‚Weimarer Klassik‘ verbinden, einer Epoche, die wir einmal so präzise wie ungenau in die Zeit zwischen 1780 und 1830 legen wollen, die allermeisten würden wohl ohne Zögern die Namen Schiller und Goethe nennen. Nach kurzem Zögern käme wohl Lessing – irgendetwas mit einem Ring, nich? Gut, der fällt als fast eine Generation früher Geborener eher in die Zeit der Aufklärung, ragt aber ganz knapp noch in diese ominöse Klassik hinein. Schon die Namen Herder und Wieland jedoch werden vielen nur noch als Straßennamen geläufig sein, dabei bilden gerade diese beiden mit Goethe und Schiller das Kernquartett der Epoche: Herder als Theoretiker, der Philosophie, Politik, Kulturgeschichte und vieles andere bis weit in die Zukunft beeinflussen sollte und dessen ‚Stimmen der Völker in Liedern‘ – eine Art von Ethno-Poetry – die Bahnen für die Sammlungen der Brüder Grimm und der Romantik bereiten. Und Christoph Martin Wieland, eleganter Erbe Rousseaus und Voltaires, heute kaum noch gelesen, überstrahlte sein Ruhm zeitlebens selbst den Goethes. Und Freimaurer sind sie sie auch alle gewesen

Sie alle haben einander gekannt, geschätzt, beeinflusst, bei Banketten und in Salons zugeprostet, zuweilen auch auf manierliche Weise bekriegt; und dann gibt noch drei weitere, nachgeborene, die mehr oder weniger vergeblich an die Türen dieses erlauchten Kreises geklopft haben, und von denen doch zwei im Nachleben und –wirken heute mindestens so präsent sind wie der Weimarer Grand mit Vieren spielt fünf: Die Rede ist von Friedrich Hölderlin (ah!), Heinrich von Kleist (ah!) und –  Jean Paul Friedrich Richter, kurz genannt: Jean Paul (kennichnich). Hölderlin, der als Schiller-Epigone begann, und dessen Dichtung dann binnen eines Jahrzehnts in den Orbit abhob, wo sie den armen Kerl für den Rest seines Lebens ausgebrannt in der Obhut eines Tübinger Schreinermeisters zurückließ; Kleist, dessen grausamen Dramen und mal kühlen, mal drastischen Erzählungen den alten Goethe gänzlich befremdet zurückließen und der schon früh sein Heil im Freitod suchte („Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war“). Und dann eben dieser Jean Paul, ein bierseliger Oberfranke aus Wunsiedel, der seine Heimatregion zeitlebens kaum verlassen hat und der es doch wie selten einer verstanden hat, die ganze Welt aus Büchern zu ziehen und durcheinandergewirbelt und neu angeordnet auf’s Papier zu bannen, ein Dompteur der Fußnoten, ja er selbst eine einzige Fußnote zu einer Welt, in der Närrisches neben Empfindsamem liegt, das Gelehrte neben dem Kalauer, späte Aufklärung neben früher Romantik, Erschaffer einer dekonstruierten Universalenzyklopädie – unter allen Genannten vielleicht der modernste und zugleich der Verstaubteste. Der allergrößten Mehrzahl der Leser, die wenigstens noch ihr Verslein Faust aufsagen können oder Schillers ‚Ode an die Freude‘ beim Neujahrskonzert beethovenunterstützt bis zur vierten Zeile textsicher mitsingen jedenfalls ist er als gestorben zu betrachten. Wie überaus bedauerlich.

Wo anfangen, was ist wichtig auf unserem kurzen Rundgang durch dieses Curiositäten-Kabinett? 1763 wird er am ersten Frühlingstag (was ihm selbst stets als schicksalprägend erschien) als Sohn eines Lehrers und Pfarrers geboren. Umzug der Familie nach Schwarzenbach, Besuch des Gymnasiums in Hof, und damit ist ein Gutteil seiner Lebensgeographie bereits abgesteckt. Der Vater stirbt, als Jean Paul 16 ist. 1781 Beginn eines Alibistudiums der Theologie in Leipzig, doch zu diesem Zeitpunkt steht für ihn bereits fest, dass er Schriftsteller werden wird. Und er liest buchstäblich alles, was er in die Finger bekommt, füllt unzählige Notizkladden mit Zusammentragungen von Absonderlichem und Wissenswertem, seine erste Satirensammlung, die ‚Grönländischen Prozesse‘ werden 1783 verlegt (nicht gerade das, was man einen Chartstürmer nennen würde) und 1784 ist er bankrott, worauf er für einige überaus magere Jahre nach Hof zur verwitweten Mutter zurückkehrt. Und weiterhin liest, sammelt und schreibt er unablässig, bis ihm dann als 30jährigem (nicht mehr ganz jung für diese Zeit) der Durchbruch mit dem äußerst verwickelten Fragment eines Bildungsromans gelingt: ‚Die unsichtbare Loge‘ ist so völlig anders als die literarische Produktion ihrer Zeit, dass sie, trotz der Tatsache, dass sie weit vor einem befriedigenden Schluss abbricht, auf zum Teil begeisterte Aufnahme stößt. So auch bei den vorgenannten Wieland und Herder. Goethe und Schiller hingegen rümpfen die schönen Näschen und werden es so zeitlebens halten. Beispielgebend, nicht nur für diesen Romanerstling sondern für Jean Pauls ganze, bis heute modern gebliebene Erzählweise ist, was er über eine der Personen, eine Schäferin, schreibt: „Wir werden nichts mehr von ihr hören. – So wird es durch das ganze Buch fortgehen….“

Auch seine Bücher der folgenden Jahre werden große Erfolge, etwa die Romane ‚Hesperus oder Hundsposttage‘ oder eines der heute noch zugänglichste Werke, die Ehe- und vieles mehr- Geschichte  des Siebenkäs, mit ganzem Titel: „Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten F. St. Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel, kurz Siebenkäs“. Doch dann lässt, nach gerade einmal zehn Jahren, der Ruhm wieder nach: Der in mehreren Lieferungen zwischen 1800 und 1803 erschienene ‚Titan‘, den er als sein Hauptwerk ansieht, wird ein ziemlicher Flop, obwohl oder gerade weil er hier einen kühnen Spagat zwischen allen von ihm bespielten Stilen und Theorien, Konstellationen und Anschauungen versucht: Vor der Folie eines zuweilen etwas blutarm agierenden Personals breitet er eine Kritik des Idealismus wie des Nihilismus und aller Zwischenstufen aus gesellt melodramatischen Liebeshändeln eine beißend kühle Beschreibung einer Ballonfahrt bei: Gerade dieser ‚Luftschiffer Gianozzo‘ hat mit seiner damals noch neuartigen Vogelperspektive aus einem Ballon noch das meiste Nachleben dieses Werks entfaltet. Und auch die danach veröffentlichten ‚Flegeljahre‘ fallen weitgehend durch, dabei ist diese wie so vieles bei Jean Paul in Franken spielende Geschichte um Walt und Vult bis heute eine der schönsten und heitersten Zwillingsgeschichten der Literatur. Wenn man nur eines seiner Werke lesen könnte oder wollte, meine Empfehlung ginge darauf. Kurz, Jean Paul schreibt weiter unter zunehmend sinkendem Stern, er wohnt inzwischen in Bayreuth, sein Bierkonsum wie auch sein Leibesumfang nehmen ungeheuerliche Maße an. Sein letzter Roman ‚Der Komet‘, der vielsprechend die Reisen eines durchgeknallten Apothekers, der mit der Erfindung künstlicher Diamanten zu märchenhaftem Reichtum kommt und einen ganzen Tross an nicht minder kauzigem Personal hinter sich versammelt, bleibt, ewig schade, unvollendet. Ein Zitat hieraus zeigt sprechend, dass Jean Pauls Liebe zwar wohl stets den Büchern gehört hat, er diese Liebe jedoch hochgeschätzt auch in und für andere denken konnte: „Das Lieben ist ja das einzige oder Beste, was der Mensch sich nicht einbildet.“ 1825 stirbt Jean Paul, nahezu blind. Das Publikum ist inzwischen längst weitergegangen, in der Mehrzahl in die Arme des großen romantischen Märchenbuchs.

In dieser Sendung jedoch soll es um ‚Abwegige Literatur‘ gehen. Das trifft einerseits auf den ganzen Jean Paul zu, dessen Werk man auch als eine einzige Abschweifung oder tollgewordene Fußnote charakterisieren könnte; man könnte auch ein Werk der reifen Jahre heranziehen, wie etwa ‚Dr. Katzenbergers Badereise‘, in der ein Anatom mit einem pathologischen Interesse für das Sammeln von Missgeburten die Heiratsbestrebungen seiner Tochter zu torpedieren bemüht ist. Um aber dem Schwer- noch das beinahe Unverständliche draufzusatteln, sei hier die ‚Auswahl aus des Teufels Papieren‘ genannt. Das Werk erschien weitgehend unbeachtet unter dem Pseudonym J. P. Hasus und versammelt unter dem Mäntelchen einer Manuskriptfiktion Satiren, Erzählungen und natürlich Abschweifungen aller Art. Ein großes Vorbild des jungen Jean Paul waren englische Humoristen, allen voran Lawrence Sternes mit seinem ironisch alle Romanfiktionen durchbrechenden ‚Tristram Shandy‘ und vor allem Jonathan Swift, der neben dem bekannten Gulliver eine Vielzahl zum Teil drastischer Satiren hinterlassen hat, man denke an seinen Vorschlag, die arme Leute von Irland mögen doch ihre eigenen Kinder essen, da so dem Hunger wie der Überbevölkerung zugleich Einhalt geboten werde. Nun ist Swift, als der junge Jean Paul wie im Rausch Satire um Satire heraushaut, bereits gut 40 Jahre tot, und den Teufelspapieren merkt man etwas von dieser Antiquiertheit an. Das ist nicht der Ton eines Goethe, der zu dieser Zeit bereits die Iphigenie und den ersten Wilhelm Meister-Roman im Sack hat, sondern ein spätbarocker, gelehrter Aufklärungsstil, bei dessen Lektüre sicher schon zeitgenössische Leser, viel mehr aber noch wir heutigen schnell und schmerzvoll merken, dass es unmöglich ist, auch nur drei Zeilen davon zu lesen, ohne nicht nach einem leider zumeist fehlenden Anmerkungsapparat zu schreien. Jean Paul schichtet Bild auf Bild, Anspielung auf Anspielung, für alle erdenklichen Gewährsleute der Bibliotheken aller Zeiten an, sodass man über dem Staunen ob der Fremdheit eines Satzes schon lange den vorherigen vergessen hat.

Und man darf die Satiren vergangener Zeiten nicht unbedingt an dem messen, was wir heute von Magazinen wie Titanic oder Charlie Hebdo kennt; oder etwa von Wiglaf Droste oder den spoken word-Satirikern von heute, die meistens als Kabarettisten segeln: In einer Zeit, in der in den meisten Winkeln der Erde an Presse- und Zensurfreiheit nicht zu denken war und eine überscharfe Attacke auf Regierende und Missstände unter Umständen nicht nur den Verlust des Druckwerks bedeuten konnte, zieht sich die Satire gerne auf den menschlichen Aspekt der Schwächen mit allenfalls behutsam-allgemeinen Ausflügen ins vergleichende Tagesgeschäft. Man kritisiert Moden und Eitelkeiten, Kollegen und Lehrmeinungen, auch der Adel wird verspottet – aber bitte keine lebenden Namen! – Jean Paul zerrt ein ganzes Naturalienkabinett ans Licht, um praktisch die gesamte risikoarm zu beschreibende Welt durch’s ins Lächerliche ziehen zu bessern, doch gerade uns Lesern der Gegenwart nimmt das oft die Chance auf einen Erkenntnisgewinn oder auch nur Lacher. Ein wenig ist es mit den Teufelssatiren wie mit den Beiträgen der Internetseite ‚Der Postillon‘ wo die eigentliche Pointe meist bereits im Titel verborgen ist, und der der darunterstehende Text mehr als Kür denn als Pflicht erscheint. Jean Paul schreibt etwa über:

– Der Edelmann nebst seinem kalten Fieber und die Unterthanen nebst ihren kalten Häusern
– Brief über die Unentbehrlichkeit unzähliger Taufzeugen
– Würde man nicht vielen Mißbräuchen der belletristischen Rezensionen steuern, wenn kein anderer ein Buch rezensieren dürfte als der, der es selbst gemacht? Vorschlag
– Der Mensch ist entweder ein lebendiger Bienenstock oder auch ein lebendiges Feldmausloch
– Der Schweinskopf als Buswecker
– Nutzen der Elektrizität für das Christenthum
– Ob die Schamhaftigkeit ohne Augengläser völlig bestehen könne?

Hinter all diesen Überschriften verbergen sich durchaus gescheite, amüsante, haarsträubende wie –spalterische Betrachtungen, sie sind halt nur in ein Übermaß an Gelehrsamkeit eingebunden wie in einen Fettpanzer, zudem ist der schreiberische Gang des Twens Jean Paul zuweilen noch etwas schwankend. Wollte sich einer jedoch die Mühe machen und sich durch nur eine dieser Satiren ein Bild von Zeit, Gattung wie Autor machen, meine Empfehlung wäre:

Einfältige aber gutgemeinte Biographie einer neuen Frau von bloßem Holz

Um es vorweg zu sagen: Wollte heute jemand versuchen, diese Geschichte, in ein sprachlich erneuertes Gewand gekleidet, dem Publikum als Lesestoff anzubieten, er sähe sich vermutlich den wütendsten Protesten nicht nur der meisten Frauen ausgesetzt, nein, es gäbe vermutlich auch Stimmen die den Autor einer selbstredend wohlmeinenden Untersuchung auf mögliche psychopathologische Störungen ausgesetzt sehen wollten. Denn wirklich ist neben allen zeitgeistigen bis hin zu Fips Asmussen fortgeführten Klischees über Frauen wie Beautywahn und Verschwendungssucht, Kommunikationsüberfreude und Neigung zu Esoterik ein latent sadistischer Zug an dieser Geschichte, wenn Jean Paul minutiös die Zusammenfügung der einzelnen Gliedmaßen beschreibt, die fast den 30 Jahre später erscheinenden ‚Frankenstein‘ von Mary Shelley vorwegnehmen. Der Erzähler wählt als Korpus eine alte Mosesfigur aus einer Kirche (Gender und Sakrileg), bekleidet sie mit der abgezogenen Oberhaut einer Dame, die sich laut Montaigne davon einen helleren Teint erhofft hatte (Schweigen der Lämmer), unterspritzt ihr bläuliches Wachs, auf dass die so sichtbaren Adern wie bei den adligen Damen von der Zartheit ihres Teints sprächen, lobt die Vorteile einer hölzernen Nase, da so die Kosten der von Damen so geschätzten Tabaksschnupferei entfielen – und so Arbeit er sich Stück für Stück durch den weiblich-hölzernen Organismus, um so am Ende eine preiswerte, allzeit kooperative Gattin, eine Art collagierte Lovedoll zu haben. Das alles ist haarsträubend grotesk und un-pc geschrieben, wobei zu Jean Pauls Ehrenrettung gesagt werden muss: Ein Frauenhasser ist er nie gewesen. Doch ähnlich wie Thomas Mann zuweilen halb tranceartige Passagen unterlaufen, in denen seine meisterhaft routinierte Gehrockprosa plötzlich einen unverhüllt homoerotischen Zug annimmt, so lassen sich an Jean Pauls Holzweiblein die Nöte erahnen, die ihn als bankrotten unverheirateten jungen Mann umgetrieben haben müssen. Alles dies ist wie nun mehrfach erwähnt sonderbar und unverständlich geschrieben und von einer Strandlektüre so weit entfernt wie Bayreuth von Hawaii, es möge jedoch zum Beispiel dienen, wie einer der allergrößten unserer Halbvergessenen einmal das schreiberische Laufen gelernt hat: Jean Paul Friedrich Richter, Ehre seinem Andenken.

Daphne Elfenbein: Wind of Change

Lass dich verwandeln vom Wind der Zerstörung. Die Hoffnung ist ein Bullauge auf hoher See. Nur im Märchen bist du im Auge des Sturms. Kann sein, du kriegst nasse Füße. Ein paar Erwartungen blättern ab wie nasser Putz. Erkenntnisblitze schießen Löcher in die Fenster. Das Wasser steht dir bis zu den Hüften und du weißt: Hier ist nichts mehr zu retten.
Zwei Fischköpfe, abgeschnitten und weiß, ein arabischer Ast, ziemlich dünn, ein Gebirge, worin das Wasser aufwärts fließt. Alles ist möglich, wo Blinde die Blinden führen, und du vertraust, dass sie den Weg schon wüssten.

Wenn dir also die Ohren schmerzen vom Pfeifen des eisigen Windes, sorge dich nicht. Wenn deine Knochen sich biegen wie Stämme im Sturm, sorge dich nicht. Wenn die Sturmbö dich auseinanderreißt, sorge dich nicht. Sieh zu, dass du dich neu zusammensetzt. Vertrau niemand, schon gar nicht denen, die immer Antworten haben. Dass dein Körper Grenzen hat, erkennst du an deiner Haut. Deine Nerven machen die Musik dazu. Besser, du hörst hin. Denn in deinen Ohren wurzelt die Hoffnung. Sonst hätte man sie nämlich bei deiner Geburt mit Deckeln verschlossen.

 

Das hast du lange genug getan: Männchen machen, Pirouetten drehen, die Goldkrone aufsetzen. Für wen? Märchenhaft schön bist du im Spiegel der Schöpfung und nirgendwo sonst. Schau hin! Du siehst es mit geschlossenen Augen. Und grade dann. Nicht der Schmerz ist die Gabe, sondern die Demut, hindurch zu gehen, bis alle Masken gefallen sind. Sie haben ihren Tanz zu Ende getanzt mit dir am Wickel. Mach einen Fundusverkauf. Gibt immer Leute, die sie noch brauchen.

 

Liebe und Licht im Supermarkt der Träume, worin wir shoppen und taub sind. Nichts bringt uns mehr in die Realität als nasse Füße. Ja, die Mülleimer rauchten, als die Sonne sank, vom Feuer der Gier und du bist der erste Mensch auf diesem Planeten, der dich mit Todeskälte umfängt. Ist es Atem oder Eis, das zuerst in deine Lunge dringt? Oft war es ein Segen, gefühllos zu sein. Doch jetzt ist genug und du verlässt das Netz der Träume mit seinen bunten Bildchen von Liebe und Licht.

Tobias Hacker: Nassmüll

Feuchtes Laub der letzten Jahre
Abflussdreck mit Kringelhaaren
Roter Wein und grünes Pril
Pferdeäpfel

Halb verwester Ziegenkäse
Abgelaufne Majonese
Aufgeplatzte Pfirsichdosen
Eingemachte Unterhosen

Du bist alles was ich will
Von dir bekomm ich nie zu viel
Du hast klasse du hast Stil
Endlich kenne ich mein Ziel

Nassmüll

Angebrochne Silberzwiebeln
Umgefallner Kübelkübel
Linsentopf mit Petersilie
Tote Eichhörnchenfamilie

Knackundbackteig ohne Dose
Alte Schweinebratensosse
Ein Mc Ripp schon durchgekaut
Und die alte Weiswursthaut

Du bist alles was ich will
Von dir bekomm ich nie zu viel
Du hast klasse du hast Stil
Endlich kenne ich mein Ziel

Nassmüll

Fruchtzwerge und Kindersäftchen
Durchgeweichtes Playboyheftchen
Watten , Ratten und OBs
Mullbinden aus Not OPs

Bikini aus Riminni
Ausgebrochnes Peddigri
Aufgetaute Hähnchenschenkel
Windeln von nem Pflegeenkel

Du nur gibst mir das Gefühl
Dass ich in dir schlafen will
Du hast soviel Sexapeal
Dich brauch ich zum Liebesspiel

Hackfleisch von 2004
Halb vom Schwein halb andres Tier
Grieben- oder Ohrenschmalz
Lebe hoch Gott erhalts.

Daphne Elfenbein: Wie ich am Brandenburger Tor die Liebe fand

Wer sich in diesen Tagen DNA-sequenzierter In-Vitro-Fertilisation noch nach Liebe sehnt, weil die Jagd nach Anerkennung und Selbstverwirklichung doch irgendwie müde macht, sollte nach Berlin zum Brandenburger Tor kommen. Denn dort steht Micky Maus, mit roten Hosen und schwarzem Frack, und breitet die Arme aus. Und das tut sie leutselig und ohne Unterschied, fast wie der liebe Gott höchst selbst. Und wer ihr dann noch zwei Euro in die behandschuhte Pfote drückt, der wird mal wieder so richtig umarmt und geknuddelt. Münze um Münze steckt das Disney Monster in den großen Hosensack. Ihr solltet unbedingt jemanden dabeihaben, der das Ganze filmt, sonst glaub es Euch keiner: „Es ist Liebe!“ könnt ihr dann unter das Facebook Video schreiben und ordentlich Likes kassieren…

Überhaupt ist das Brandenburger Tor ein Ort der Sympathie und der Völkerverständigung. Ein großer Braunbär auf zwei Beinen treibt dort sein friedliches Unwesen, US- und Sowjetflaggen werden geschwenkt. Ein paar französische Gebirgsjäger stehen herum in fescher Uniform und lassen auf trainierte Waden blicken. Der Belagerungszustand ist als Dauerzustand in die Geschichte eingegangen. Drum werden hier, am Brandenburger Tor, den ganzen Tag lang sehr erfolgreich Träume verkauft, schön bunt, zwischen Luftballons, Micky Maus und Sekt-Ausschank. 15 Euro zum Beispiel kostet es, wenn ein Reiseführer einer Menschentraube erklärt, dass sie jetzt grade das Brandenburger Tor sehen. Es sei bei einem größeren Scharmützel ramponiert worden, habe lange Zeit zwischen den Mauern gestanden und sei kürzlich schick renoviert worden. Eine Busladung Spanier im Freizeitdress, den Familienschmuck um den Hals und die Kamera im Anschlag, hört andächtig zu. Und? Bei all der historischen Dauerbelagerung aus Liebe…

Wem gehört jetzt das Brandenburger Tor? … Richtig!
Schließlich heißt Starbucks ja auch nicht Sterntaler.

Auch wenn du Tourismus mit Nachhaltigkeit pflegst, ist für dich gesorgt. Für 28 Cent darfst du eine Minute lang Elektroauto fahren. Gewissen beruhigt? Nein? Dann eben zwei Minuten. Dann sind wir bei 56 Cent. Billiger ist es dann schon, bei den Sterntalern pinkeln zu gehen, dafür legst du der Klofrau im Keller von Starbucks 50 Cent in die Porzellanschale. Oben stehen sie Schlange bis der Kaffee kalt wird. Die Klofrau trällert ein Liedchen und legt ein Plastikblümchen in die eben geleerte Porzellanschale… Nach Feierabend leistet auch sie sich noch eine Umarmung bei Micky Maus.

Wer aber ein wirklich gutes Werk tun will, der unterscheibe die Petition der Taubstummen und legt den armen Mädchen, die da scharenweise auf dem Pariser Platz die Touristen anhauen auch noch zwei Euro in die zarte Kinderhand. Ich hoffe, ihr habt eure Geldbörsen sicher hinter einem Reißverschluss verstaut!

Wem so viel Nächstenliebe dann doch zu kostspielig ist, der macht sich am besten schnell davon. Entweder in einer Alt-Berliner Pferdekutsche, auf einem Biermobil, einem Segway Wägelchen, oder einer Rikscha. Grade verlässt ein zweijähriges Kind, dessen Vater ein Reagenzglas ist, auf seinem Laufrad den Platz. Es trainiert schon fleißig für spätere Hamsterjahre. Ach, das Leben ist schön. Und auch ich gehe mir jetzt bei KaDeWe eine Micky-Maus-Uniform kaufen. Denn bei zwei Euro pro Umarmung und 100 Umarmungen pro Tag, …. was für ein Einkommen … und noch gemeinnützig dazu…

Ach die Liebe…

 

Daphne Elfenbein

Daphne Elfenbein ist mit 14 Jahren vom Himmel gefallen und auf den Füßen gelandet, studierte Phönixologie bei der altägyptischen Göttin Bastet. Es folgte eine erste Tätigkeit als Leuchtturmwärterin im Indischen Ozean. Dort schickte sie ihre Scheinwerfer nach den Schiffen. Rettete mehrere Ölbohrinseln vor dem Untergang. Hat beim Kochen leider einige übersehen. Promovierte zur vierten Inkarnation des kaiserlichen Hofschamanen von Atlantis und erhielt zahlreiche Auszeichnungen wegen konsequenten Verharrens im Elfenbeinturm. Daphne Elfenbein ist unsterblich und lebt schon seit 100 Jahren mit einem bengalischen Tiger und einem Stockentenpärchen zusammen.

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Daphne Elfenbein bei EBMD:

MartinSchulz: Bernie und Wilson fragen Dich

Hallo!

Wir sind Bernie-Dominique und Wilson

Wir sind eine Giraffe und ein Faultier.

Bernie kackt jeden Tag. Wilson nur einmal die Woche.

Böse Menschen sagen, wir sind unsichtbar. Dabei sind die nur blind

Wir verstehen so vieles nicht. Zum Beispiel:

Warum hat man eigentlich mit alten Bäumen mehr Mitleid als mit jungen Bäumen aber mit jungen Menschen, die gefällt werden, mehr Mitleid als mit alten?

Hm. Du, sag mal: sind Soldatinnen eigentlich die besseren Mörderinnen?

Hm.

Wir wissen die Antwort.

Aber ihr müsst selber draufkommen. Hey, du. Was hat Gott eigentlich vor der Erschaffung der Welt gemacht?

Wir wissen die Antwort.

Stimmt doch gar nicht.

Sag mal: weinen Fische eigentlich Luftblasen?

Ich weiß die Antwort. Aber ich sags nicht.

Ne, ihr müsst selber draufkommen.

Psch. Warum gibt’s so wenig Liebe auf der Welt?

Kchhh. Sag mal: warum fressen Tauben eigentlich keine Hunde?

Hm. Weißt dus?

Wir wissens. Aber wir sagen es nicht.

Du. Können Igel bei Eichhörnchen überwintern?

Wir wissen die Antwort. Aber wir sagens nicht.

Ihr müsst selber draufkommen! Ätsch!