Elmar Tannert: Ins Land der Franken fahren

In den guten alten Zeiten klang das Wort „Budget“ nicht nur französisch-elegant, sondern durch das gedehnte „e“ am Schluss auch sehr großzügig: „Büdschee“. Im Zuge der Anglisierung Europas ist auch sein Stiefzwilling von der Insel bei uns bekannt geworden, den man genauso schreibt, aber barsch bellend „Batschitt“ spricht. Bezeichnenderweise hat sich das englische Batschitt in Koppelung mit dem Wort „low“ verbreitet, mit Vorliebe im Jargon der Cineasten. Ein low budget-Film ist, wie wir wissen, ein Film, der mit einem Minimum an materiellem Aufwand gedreht wurde.

Inzwischen sind wir soweit, dass Batschitt das „low“ gar nicht mehr braucht, um billig zu klingen. Eine Hotelkette hat dies als erstes bemerkt und flugs das Wort mit ihrem Namen kombiniert, und nun prangen die zwei Wörter, Hotelname plus Batschitt, an vielen grauen Gebäuden, die sozialistischen Plattenbau-Charme versprühen und oftmals in Gewerbeparks an Stadträndern auf verzweifelte Reisende mit schmalem Geldbeutel lauern – Leute wie mich also.

Die Gründe zu nennen, weshalb ich in Würzburg übernachten musste, und dies möglichst preisgünstig, würde hier zu weit führen. Kommen wir lieber gleich zur wesentlichen Feststellung, die ich etwa so umreißen würde: Ein solches Ausmaß an Trostlosigkeit auf gleichbleibend hohem Niveau, vom abendlichen Empfang am Rezeptionsautomaten bis zum industriell vorfabrizierten Frühstück, hatte ich für meine bescheidenen fünfzig Euro weder erwartet noch bisher so erlebt, nicht einmal in den Ländern, die man früher unter „Ostblock“ subsumierte. Um diesen Effekt zu erzielen, greift die Leitung des Hauses zu allen Mitteln. Ist man etwa nach Eingabe diverser Geheimzahlen ins Innere des Hauses vorgedrungen, oder, mit anderen Worten: Hat man per Kreditkarte das Zimmer bezahlt, ohne vorher prüfen zu können, wofür man sein Geld ausgibt, wird man bunter Broschüren ansichtig, die sich mit liebevoll ausgewählten Abbildungen der Würzburger Altstadt als besonders wirkungsvolles Kontrastmittel erweisen, um dem Gast vor Augen zu führen, in was für einer architektonischen Zweckmäßigkeitshölle er da gelandet ist.

Es fehlt dieser Sorte Hotel eigentlich nur eines: Der vollautomatische Gastroboter, der an rauhen Winterabenden noch frohgemut durch die zugigen Straßen des Gewerbeparks flaniert, um, bevor er sich zur Ruhe legt, seine Seele an den lauschigen Autowerkstätten und Speditionshöfen zu erbauen und seinen Hunger im drei Kilometer entfernten Schnellrestaurant zu stillen, und später, in seine Zelle zurückgekehrt, selig über dem Faltblatt einschlummert, das ihm eine Karriere als selbständiger Franchise-Hotelierroboter anpreist. Den menschlichen Gast dagegen versetzt die Lektüre in Weltuntergangsstimmung, denn nun hat er die Gewissheit: Dies Hotel, in dem er nächtigt, ist nicht etwa durch ein bedauerliches Versehen zustandegekommen, ist kein einmaliges Missgeschick, dessen Ausradierung kurz bevorsteht, sondern wird sich noch in unzähligen weiteren Exemplaren über die Welt verbreiten, wird Reisende mit vermeintlicher Preisgünstigkeit in Zimmer locken, aus deren Fenstern man sich stürzen möchte, und mit seiner puren Existenz den Begriff „Gastlichkeit“ verhöhnen. „Sowas lebt“, ist der letzte Gedanke des Reisenden, bevor er sich im Elend seiner sterilen Herberge, die ebenso artgerecht ist wie der Käfig einer Legebatterie, in den Schlaf weint, „sowas lebt, und das Parkhotel in Fürth musste sterben …“

Ein Batschitt-Hotel wird niemals sterben. Jeden Tag Punkt zehn Uhr vormittags, wenn der letzte Gast das Weite gesucht hat, wird es durch einen ausgeklügelten Mechanismus in die Hölle hinabgesenkt und von armen büßenden Seelen in seine Einzelteile zerlegt, mit siedendem Schwefelwasser gereinigt, desinfiziert und pünktlich zum Check-In am Nachmittag wieder zusammengesetzt und an die Erdoberfläche gehoben. So wird es mitsamt seinen Artgenossen die Zeiten überdauern, immerdar, und falls das nicht stimmen sollte, dann versteht es zumindest perfekt, den Anschein zu erwecken, als ob es so wäre.

Nichts gegen ein kleines Budget – aber vielleicht sollte man vom low budget-Film hin und wieder auch den künstlerischen Anspruch übernehmen. Damit die Realität nicht zum schlechten Film wird.

 

Franz Walser: Erstis verteidigen

Das hier ist ein Plädoyer für Erstis. Für die Innenseiter, für die, die es bald geschafft haben werden. Ich will sie endlich nicht mehr angreifen, sondern zumindest ein Mal in Schutz nehmen. Seit Jahren zieht man über sie her, Facebook-Seiten werden gegen sie erstellt, Hetze oft großgeschrieben. Sie sind Lachnummern und wir finden es gut. Warum eigentlich? Haben wir sonst nichts, worüber wir uns lustig machen können?

Waren wir nicht alle mal Erstis? Ich zumindest schon. Dreimal sogar. Kann ich weiterempfehlen, die Straßenbahn ist kostenlos, das Alkoholproblem auch (fast) man lernt neue Leute kennen und irgendwann ist man routiniert und garnix ist mehr peinlich.

Betrachtet doch ausnahmsweise die andere Seite, ihr Lieben. Hey, es ist wirklich nicht einfach. Jahrelang von Helikoptereltern großgezogen. Maßnahmen zu jedem Dreck in der Schule, Gewaltfreie Kommunikation zu erlernen ist überhaupt das Wichtigste. Zum Essen gibt’s Grünkernküchle (alter ich werd wütend wenn ich nur dran denk nix gegen Gemüse aber im Ernst was is los manchmal) und Schnitzel von Kälbern, die bei Vollmond zu Tode gestreichelt wurden. Und alle in der SMV mitgemacht, mit Leuten, die man seit der fünften Klasse kennt, außer Johnny, der war schon im Kindergarten mit am Start. KOMM EY! Kein Wunder, dass man da im ersten Semester gar nicht zurecht kommt mit uns abgebrühten Langzeitstudierenden. Das dauert halt einen Monat oder zwei, bis das gesparte Geld von Omas Abigeschenk verballert ist und man sich zum ersten Mal für das Billigpesto entscheiden muss. Das Saufverhalten passt sich auch erst nach der dritten WG-Party an und ey, dass der AK gegen Rechts mehr die Billovariante von der Jugendantifa ist und die geilen Leute da wenig Bock drauf haben und lieber in der Pilsbar ihren Lohn aus der Kneipe versaufen – das sind Lebenserfahrungen, die brauchen Zeit, da muss man sich erstmal drauf zu entwickeln, bis man ausreichend abgestürzt ist und keine Lust mehr hat auf die ganze soziale Scheiße, weil eh alles unausweichlich den Berg runter geht. Ausgrenzung von Eingegrenzten, nennt sich das, was da betrieben wird mit den Erstis, und es gefällt mir nicht.

Apropos Mobbing gegen Menschen, die alles haben: Work’n’Travel-Kids. „Boah voll schwer wieder deutsch zu reden, ich hab voll die Wörter vergessen, like seriously!!“ Ja, da haben wir alle schon herzlich drüber gelacht; diese Vollidioten, ne, haha. Perspektivwechsel: Da hängt ein Mensch, ausgestattet mit allem, was die gehobene Mittelschicht zu bieten hat, ein Jahr in einem anderen Land ab. Da gibt es dann auch alles, was man „von daheim“ schon so kennt: Freie Wahlen, schöne Natur (Räuberhose nicht vergessen), Großstädte, fremdenfeindliche Innen- und Außenpolitik, und Google. Man kann sich wirklich nicht beklagen. Okay, Riesenspinnen und Krokodile. Sonst chillig. Nach diesem Trip kommen die Leute zurück und beherrschen ihre Muttersprache nicht mehr? Ich lache da nicht drüber, ich mache mir Sorgen.

Ich stelle das jetzt mal ganz offen in den Raum: Gehen wir auf diese Menschen zu oder grenzen wir sie aus? Wollen wir so den Weg beschreiten, den Friedrich Merz uns bereiten wird, ist das unsere Vorstellung vom schönen Leben? Wo ist sie denn, unsere Willkommenskultur? Hey Ersti, komm‘ her, ich lad‘ dich auf ’nen Fernet ein und danach erzählst du mir was von Kängurubabys. Du zahlst mir ein Pils und ich erklär‘ dir, warum die Gesellschaft nicht das Stück Dreck ist, für das du sie mit 14 gehalten hast, sondern noch viel, viel schlimmer. Wird ’ne wilde Nacht am Tresen und danach schicken wir die Selfies nur uns selber.

Moses Wolff: Amok

Zetti: Mir langts jetza! Hab echt koan Bock mehr!

Spurti: Was hast denn?

Zetti: Woasst hey, mei Chef ist a Drecksau, mei Frau geht mer ziemlich sicher fremd, andere Weiber schaung mi mim Osch ned o, Freind hab i ausser dir koan oanzign, d Gläubiger renna ma d Bude ei, meine Kinder finden mich lächerlich – und jetzt hat mer aa no mei Haftpflichtversicherung kündigt!

Spurti: Und was machst jetza?

Zetti: Mein Plan steht fest: i lauf Amok.

Spurti: Is auf jeden Fall al Alternative. Und wia hättst der des denkt, wia wuistas ostein?

Zetti: Ja, oiso, da hab i mer scho was überlegt. Kannst du zufällig a Pumpgun auftreim?

Spurti: Puh, na wissad i im Moment ned, wo…

Zetti: Zur Not duads a Küchenmesser aa.

Spurti: Im Zweifelsfall, ja, Küchenmesser, des kannt geh. Und wia wuist na ofanga?

Zetti: Du, i hab ma denkt, i hock mi erst amoi in a so a Café, wo oiwei d Studenten higenga, wei des san ja meine ganz besonderen Freind. Und na verwickelt is in a Gespräch, was woass i, Fuassboi oder Vorlesungsverzeichnis oder irgendan andern Kas. Na hör i mir den Schmarrn o und werd hundertprozent in kürzester Zeit wahnsinnig aggressiv. Und dann, wenn i komplett auf hundertachtzge bin, na geht’s los. Bam bam bam bam, sovui mitnehma wias gähd.

Spurti: Mhm. Interessant. Aber, was mi no interessieren dad: is dir des dann wichtig, dass das tatsächlich umbringst oder dads der scho glanga wannstas schwer verletzt?

Zetti: Du, i glaub, in dem Moment kriagst so an Adrenalinrausch, dass des wurscht is.

Spurti: Glabi aa. I glaub, da zählt dann mehr die Quantität als die Qualität.

Zetti: Genau. Wichtig is aa a guads Timing, weil i schätz moi, dass nach zehn Minuten d Bullerei auftaucht und den Schmarrn gib i mir gwieß ned. Da muass i dann im richtigen Moment die Reißleine ziehn.

Spurti: Reißleine? Wia moanst des?

Zetti: Harakiri. Zack! Weg. Auf WIEDERSCHAUN. Arrividerci. Habe die Ehre. Ciao. Auf Wiedersehn, good bye.

Spurti: Ja, des is a vernünftige Konsequenz.

Zetti: Des is da Höhepunkt von am ordentlichen Amoklauf. Ohne des kannt is glei bleim lassn.

Spurti: Und wann wuist des macha?

Zetti: No ned so boid. Vielleicht in zehn, fuchzehn Jahr.

Spurti: Asooo. Und i hab scho denkt, jetz boid, moing oder so.

Zetti: Spinnst du? Naa, die nächste EM gib i mir auf alle Fälle. Und WM aa. Und vielleicht nimmt mi ja in da Zwischenzeit a andere Haftpflichtversicherung, dann spar i mer die ganze Gschicht komplett.

Spurti: Ageh. Wer braucht denn heitzdag scho a Haftpflicht?

Zetti: Spinnst du? A Haftpflicht is sauwichtig. A du bist lustig.

Schidl’n’Schedl: Weltuntergang

Der stete Tropfen höhlt den Stein
und bringt das Fass zum Überlaufen
Da schlägt´s dem Fass den Boden aus
Keiner bekommt mehr etwas zu saufen

Die Vögel hören zu singen auf
Totenstille – Kein Gesang
Das haben wir alle kommen sehen
Das ist der Weltenuntergang

WELTUNTERGANG
WELTUNTERGANG
Das haben wir alle kommen sehen
Jetzt dauert es nicht mehr lang
Das haben wir alle kommen sehen
Jetzt dauert es nicht mehr lang

Am Weg zum Brunnen bricht der Krug
Es tönt ein lauter Schlag
Dieser Weg ist unser Ziel
Am allerletzten Tag.

Da schlagen sich alle die Schädel ein
Fast niemand bleibt am Leben
Die Gier frisst auf das letzte Hirn
Das haben wir kommen sehen.

WELTUNTERGANG
WELTUNTERGANG
Das haben wir alle kommen sehen
Niemand hält mehr zusammen.

Wie man sich bettet so liegen wir jetzt
Wir haben doch gar nichts getan
Zugedeckt von dem ganzen Scheiß
Schauen wir uns jetzt an.

Am runden Tisch wird debattiert
Hoffnung wächst aus ihren Händen
Der Dummheit Faust schlägt auf den Tisch
Jetzt ist es da – das böse Ende

WELTUNTERGANG
WELTUNTERGANG
Das haben wir alle kommen sehen
Jetzt bricht alles zusammen

WELTUNTERGANG
WELTUNTERGANG
Das haben wir alle kommen sehen
Jetzt bricht alles zusammen
Du glaubst ja nicht was ich da hör
Ein Vögelein Gesang

Musik:

Text:

Tibor Baumann: Im Fluss ist es still

And am I born to die?
And lay this body down?
And as my trembling spirits fly Into a world unknown
A land of deeper shade
Unpierced by human thought
The dreary region of the dead
Where all things are forgot

David Tibet / Current93 Idumae,
Black Ships ate the sky

Die Nacht umschloss sternenklar das Land.

Wie drohend schwarz-lilane Wolkenberge, die sich stürmend den Horizont erobern, versank er mit all seinem Leben, sein ganzes Ich, in einem Strudel, der ihn stumm wie den Kosmos machte. Mit kaltem Wind die Ahnung des kommenden Sturms, wie das Grollen, herannahender, preschende Pferde einer Streitmacht. Und dann war es immer still; in dieser Stille flog er. Klares Wasser, das war es schon immer gewesen, Wasser, dass ihn umgab. Und die Wolkenpferde, die preschten voran, Steine versprengend, trugen sie ihn und waren doch nur Gischt und Schaum. Es verstummte sein Vater, der alte Adler; eine Sternschnuppe die aufleuchtend verglühte. Und letztlich fühlte er, wie er gezeugt wurde, eine Nova, ein Aufkeimen, eine Vereinigung und ein vergehender Prozess im Moment seiner Entstehung.

Edgar schlug die Augen auf und starrte in das im silbrigen Dunkel liegende Schlafzimmer. Sein Inneres war aufgewühlt wie aufschäumendes Wasser, das den Fels hinabstürzt. Neben ihm, tief in den weißen, gestärkten Laken schlief entrückt seine Frau. Edgar fühlte deutlich das Zimmer, das Haus, den großzügigen Garten, die Stadt, jeden Raum um sich herum, als wäre er in spiralförmigen Muscheln eingebettet, die ein Außen kannten und doch kein Außen hatten, da sie sich in ewiger Wiederholung in einen neuen Raum verwandelten.

Edgar setzte sich unsicher auf, rückte auf die Bettkante. Über die breite Treppen, die dunklen hölzernen Stufen, schlich sich das Ticken der Uhr hinauf. Edgar hob den Blick und sah durch die Länge des Schlafzimmers, als ob er dem Geräusch entgegen sehen könnte.

Eine Weile saß er nur dort. Dann stand Edgar traumwandlerisch auf und verlies leise das Schlafzimmer. Nur eine schmale Shiloutte des Mannes, der am Tag so viel Macht und Kraft ausstrahlte.

Über die Balkonade die die beiden Flügel des Familiensitzes verband, ging er in sein Arbeitszimmer. Langsam, vorsichtig setzte er sich unter den ölfarbenen Augen des Familienporträts der Steins, in seinen Arbeitssessel. Sein Blick suchte etwas im Dunkel, an den Rücken der Bücher in den hölzerneren Regalen, in den rauschenden Blättern, die vor dem Glas der Fensterscheiben mäandernd das Mondlicht unterbrachen und wispernd von einem Draußen erzählten.

Plötzlich atmete Edgar ein, sich erinnernd dem Ersticken nahe zu sein, fliehend, sich an das Leben krallend, als wäre er beinahe Untergegangen, schöpfte er tief Luft.

Mit großen, festen Händen, strich er sich das dunkle Haar und die silbernen Streifen nach hinten. Ein Geste voll Würde, trotz des schief sitzenden Schlafanzuges. Dann knipste er die gelb schienende Schreibtischlampe an und zog mit energischer Geste die bereitgelegten Unterlagen zu sich.

So endete Edgar Steins Nacht bevor der Tag anbrach.

Es würde ein sonniger Tag werden; als ob der Herbst dem Sommer ein letzten, schwachen Glanz gewähren wollte, bevor das Grau sich über das Land legen würde.

Der alte Kern der Stadt thronte mit Schloss und Wehr über dem Fluss und verbarg die sich dahinter ausbreitende Bauten aus Stahl und Glas und die speienden Schlote, das Räderwerk, die Tonnen an Dingen und Material, die verschoben, genommen und wieder gegeben wurden, die sich in Betonadern ergossen, Schneisen durch das Grün und die Berge zogen, bis zur nächsten Stadt, dem nächsten Flughafen, den Bahnstrecken und den unsichtbaren Verbindungen der Menschen, die sich über alles legten: über Land, Fluss und Himmel, über Berge, Meer und Luft hinweg, hinein in die Ebenen der Impulse, der unsichtbaren Konstrukte der Metaphysik, der Gedanken und Informationen, in Überzeugungen und Willen gegossen, sinngebende Riesen ohne Körper, für die wieder aus Stein und Recht, aus Glas und Macht, gigantische Konstrukte und Türme und Mahnmale und Häuser und Plätze errichtet waren.

Die Kirchturmuhr schlug guten Morgen; auch an diesem Morgen. Ein Tag, der so wie jeder anderen im Strom der Zeit sich in die Abfolge aller Dinge reihte.

Tau netzte die Wiesen und Wälder deren Wipfel mit bunten Tupfen das Land färbten, die die Stadt einfassten. Wie ein Band zwischen Welten zog sich der Fluss am alten Kern aus mittelalterlichen Bauten entlang, erst weiß und wild, dann klar und blau und schließlich langsam und grün, die Stadt verlassen, in die Wälder verschwindend. Eine riesenhafte Schlange in ruhiger Bewegung, sich der eigenen Größe und Unumstößlichkeit dank der Anpassungsfähigkeit an Fels und Erde bewusst.

An diesem Tag, in dieser Stadt, an jenem Fluss, geschah der Anfang. Es geschah zum ersten mal. Nicht als Auslöser. Nicht in Verantwortung. Nicht als plötzliches Ereignis. Es geschah als Teil der Tatsachen, die sich aus dem mikroskopisch kleinsten Zusammenhang und denen kosmologischen Ausmaßes entwickeln. Unweigerlich und vollkommen; variabel, die Welt, die uns immer solche Angst gemacht hat, da sie, um so tiefer wir in sie blicken, ohne formende Macht, sich selbst bedingt und hervorbringt. Ein solcher Anfang war es.

Hätte jemand bemerkt, dass es hier tatsächlich zum ersten Mal geschah, hätten manche vielleicht von einem Auslöser, dem ersten Verlust, einer sich ausbreitenden Krankheit, vielleicht auch von einem Schuldigen gesprochen. Aber es war ein unbemerkte Anfang; das Gegenteil dessen, was sonst dem Ersten zugedacht ist:

Kein Ruhm, keine Ehrung. Kein Urteil und keine Anteilnahme.

Lilia und Edgar saßen an dem alten, großen Holztisch im Wintergarten, von dem der Blick über den wilden, großen hinteren Gartenteil schweifen konnte. Die bunten Köpfe der Eichen leuchteten bunt und die Sonne fiel glitzernd auf das Paares.

Lilia durchforstete ihre Nachrichten auf dem Tablet, trank gesüßten Kaffee und aß Obst und Nüsse zum Frühstück. Immer wieder sah sie auf und musterte heimlich forschend, ein wenig besorgt, nach einem Moment suchend, da sie seinen Blick fangen konnte, die Züge des Mannes, den sie so gut kannte. Edgar sah nicht auf. Es war keine Missachtung. Er war schon in seinen Tag verstrickt, las die Berichte zu den Vertragsmemo noch einmal und durchsah abwechselnd die morgendliche Zeitung, während er grünen Tee trank. Das Essen ignorierte er. Einer jener Morgen, an denen er nach einer Aufforderung Lilia etwas zu essen erwidert hätte, dass ihm das Leben bis in den Rachen stünde und sich sofort übergeben müsse, wenn er jetzt esse.

Die Keramik klirrte leise, als Lilia ihre Tasse abstellte. Edgar verwarf wieder die Zeitung. Sanft legte sie ihre Hand auf seine.

„Ich nehme den ersten Flieger wieder zurück.“, lächelte sie ihn ernst an. Edgar runzelte die Stirn.

„Nimm dir Zeit. Leopold freut sich.“, erwiderte er wegwischend. Er entzog seine Hand und leerte seine Tasse. Forschend sah sie ihren Mann an, der Aufstand und das dunkelblaue Sakko anzog, die Manschettenknopf gehaltenen Hemdaufschläge hervorzog, die Weste zurechtrückte, den linken Arm schüttelte und so die Uhr an ihren Platz brachte.

Seine strenge Haltung verriet nichts. Aber Lilia kannte ihn nun schon zu lange. Seine innere Unruhe war wie ein dunkles Tier, das im Augenwinkel lauert. Als wäre da eine Vorahnung, die er nicht zu benennen im Stande war.

Mit flachen, festen Händen strich er die dunklen, silber durchzogenen Haare zurück. Sich aufrichtend, sah er von den Papieren, dem Tisch auf, hinaus, in die Ferne. Seine Habichtgestalt warf den Schatten lang in das hinter ihm liegende Haus.

Mit einer Absage in der Geste griff Edgar nach dem Memo, der Zeitung, schob es in seine Ledertasche. Die Hand auf ihrer Schulter, küsste er Lilia auf die Stirn.

„Sag dem Jungen, ich bin stolz auf ihn.“ Lilia sah Edgar erschrocken an; es war ein Abschied. Ihre Hände legten sich kurz ineinander und das so vertraute Gefühl, den jeweils so ungleich empfundenen, aber geliebten Menschen gekannt zu haben, legte einen Zufriedenen Moment in die Gesichter der beiden. Und betonte die Vergangenheitsform, das Gefühl des geschehenen und nicht im Moment sich ereignenden. Edgar nahm Hut, Mantel und Tasche von der Garderobe und seine Schritte verhallten im langen, hohen Flur und verschwand nach draußen. Lilia konnte durch den schmalen Galsstreifen in der hohen Türe sehen, wie der Fahrer hinter Edgar die Türe des Wagens schloss. In seltsamer Art war das der letzte Blick, den sie auf Edgar legte.

Der Fahrer lenkte mit ruhiger Hand den Wagen, der wie ein schwarzes Schiff durch den Verkehr glitt. Edgar besah sich die Welt, von außen, getragen, durch das Vehikel. Die Unterlagen lagen nutzlos in seiner Hand, auf seinem Schoß verstreut.

Er blickte hinaus und sah das Treiben, das vorüber zog, wie ein getragenes Theaterstück.

Edgars Vater war ein strenger, aber liebevoller Mann gewesen, der von seinem einzigen Sohn – bedingt durch den Kindstot des ersten und dem tragischen Unfall, der Mutter und Tochter dem Leben entriss – alles verlangte. Bedingungslosen Erfolg und absolute Hingabe an die Familie und das Leben, also, alle Handlungen und Unternehmungen, die nicht geringer als groß sein durften. Edgar wusste schon früh um seine Privilegien – und das sie nichts wert waren, wenn man nichts damit tat:

„Dein Aufrechter Gang ist ein Geschenk der Evolution, Edgar.“ Sein Vater hatte wie ein alter Adler über den jungen, schmalen Edgar gebogen. „Dank dieser Entwicklung, hat dein Körper die Fähigkeit Energie umzusetzen, die ein so komplexes Gehirn füttert, das zu solch erstaunlichen Leistungen fähig ist.“, fuhr er fort. Es war ein Sonntag gewesen, der Vater im schwarzen Anzug. Tee auf einem Tablett. Ein schweres Buch auf dem kleinen Gartentisch. Der Siegelring an der krallenartigen Hand des Vaters, da er mit dem Zeigefinger auf die Stirn des keinen Edgar tippte, bestimmt, aber frei von Gewalt. „Wir können sprechen und denken und die Welt mit unseren Sprache anreichern; wir denken und formen die Welt, weil wir uns organisieren.“ sagte er mit tiefem Bass und griff die Hände, die kleinen Hände, mit seinen großen:

„Verstehst du?“ Das Haar stand Edgar ein bisschen wirr vom Kopfe, mit dem er ernst nickte. Der Vater strich ihm lobend über die Wange. Stolz den er sparsam ausgab.

Edgar schloss sein Architekturstudium mit Bravour ab und nicht, weil er der beste in den mathematischen Grundlagen, den statischen Eventualitäten oder in der historischen Betrachtung der Errichtung war, sondern weil er es zu einem neuen Gedanken zu konstruieren wusste. Edgar war noch keine dreissig Jahre, als er die Architektur mit dem Gedanken der strukturellen, zivilisatorischen Errichtung verknüpfte. Seine Überlegungen nutzte er um ein Architekturbüro aufzubauen, dass global und anthropologisch dachte. Das Errichten von Häusern, Brücken, Tempeln, das Planen von Netzen und Zusammenhängen von Behausung und Netzwerk, wurde in Edgars Händen mehr als die Planung von Bauunternehmungen. Es war die Idee der Überlegenheit des Menschen; die Architektur als Beweis, wofür anderen Götter, Propheten, Lenin, Kapital oder Erfolg benötigten. Er zog die Menschen in seinen Bann, mit seinen Ideen, seinem Blick und um so älter Edgar wurde um so mehr wurde aus dem Habicht der alte Adler, der mit scharfen Verstand und geschliffenen Worten die Menschen um sich herum mit seiner Idee zu verbinden wusste.

Die Mitarbeiter von „Stein&Stein“ waren Teil einer Idee; seiner Idee der Welt, auf die jedes Bauwerk zu einem besseren Nutzen und größerer Schönheit, effizienter Nutzbarkeit und klarer, zivilisatorischem Überlegenheitsbeweis führte. Architektur und Zivilisation, das Zeichen der Herrschaft des Menschen, ein Alleinstellungsmerkmal, dass es immer wieder neu zu denken galt. Von der hoch bezahlten Managerin bis zum letzten Putzmann, waren sie Teil einer Gemeinschaft, denen Edgar weltweite Privilegien einräumte, Wohn- und Reisemöglichkeiten, Bildung und Entwicklungsmöglichkeiten – im Sinne seiner Idee, die zur Bewegung wurde.

Er errichtete mehr als Gebäude. Er organisierter die Menschen, mit seiner Idee errichtete Edgar Stein eine Gemeinschaft im Glauben an die Geschichte, den Mythos. Von Erfolg waren all die großen Unternehmungen gekrönt, weil Gemeinsamkeit ansprach, die zu Identität durch Zugehörigkeit führt.

Edgars Arbeit führte ihn virtuell über drei Kontinente und in verschiedenen Lebenskontexte. Die Projekte und Absprachen mit hoher Priorität leitete er immer noch selbst. Edgar brachte diese Idee mit sich, wie eine Präsenz, die an ihm, seiner Haltung, seiner Wortwahl hing; der Mythos, die Geschichte die ihn durchdrang öffnete ihm und seinen Unternehmungen Tür und Tor.

Edgar sah auf; der Wagen hielt leise an einer Ampel, deren rotes Licht sich spitz auf die Gestalt des Fahrers legte.

„Ben, drehen Sie um.“ Edgars Stirn lag in Falten. Als wüsste er nicht genau weshalb, aber doch, dass es richtig war. Energisch legte Edgar die Unterlagen zur Seite.

„Fahren sie mich in mein Atelier.“ Der Fahrer nickte knapp und wendete mit grünem Licht den Wagen in die entgegengesetzte Richtung.

Jenes Haus, das Edgar als sein Atelier bezeichnete, hatte er als Ruine erworben, um es neu zu beleben. Jeden Strich, jede Leitung, jedes Stück Putz, alles hatte er selbst getan. Und im Tun, hatte er seine Gedanken ordnen können, die wilden Gedanken eines jungen Menschen. Und geordnet hatte er die Idee entwickelt. Hier hatte ersten Grundstein für sein Imperium, seine Auffassung, seine Geschichte zur Welt errichtet, während er das Haus neu erdacht und erbaut hatte.

Das Haus war schlicht eingerichtet, ein Gegenentwurf zu dem, was ihm das Erbe seiner Familie aufzwang. Keine pompöse, dunkel-eicherne Vergangenheit; Edgar hatte die alte Bausubstanz mit neuen, klaren Linien vereint, die in Glas mündete, so dass der vorbeiziehende Fluss, die wogenden, Bäume, das Gras des sanften Abhangs, der sich über die Wipfel spannende Himmel, Teil des großzügigen Hauptraumes werden konnten.

Edgar stand kaum atmend inmitten der Stille. Den Fahrer hatte er fortgeschickt. Starr, mit kurzen Bewegungen suchten seine Augen, irrten zwischen dem kleinen Tisch, dem dezenten Sofa, dem Draußen, hin und her. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, als mochte es sich dafür entscheiden ihm herauszuspringen. Zu beenden, was es vorantreibt, voran, immer nur voran, immer diesem einen, diesem bestimmten, diesem letzten Schlag entgegen.

Vage erinnerte er: fernes grollen; schäumende Pferde, das Vergehen eines hellen Sterns.

Losreißend trat Edgar an die lange Glasfront. Mit leisem Klick löste sich der Hebel und mit elegantem Geräusch glitt die Tür zum Garten, zum Fluss, zur Seite. Der Wind griff nach dem Raum, zerzauste Edgars Haar. Das graue Sakko klappte nach hinten. Edgar trat auf das feuchte, grüne Gras, auf dem bunte Blätter getupft waren. Edgar folgte einem schmalen Weg aus flachen Steinen; in seinen Augen spiegelte sich plötzlich eine Sicherheit, ein folgsamer Instinkt, der ihn leitete, auch ohne zu Wissen wohin.

Zuerst an seinem Grundstück entlang, wo sich nach einer gemauerten Erhöhung der Holzsteg in den Fluss zog, dann zur Böschung wurde, als er durch eine geschlosserte Tür aus dem Grundstück trat.

Er war dem Fluss jetzt nahe. Das stete Rauschen des Flusses ließ ihm die Haare aufstehen; erotische Anziehung, mehr als Lust, aber Verlust des Bewusstseins. Der Pfad zog sich durch einige Büsche, die ihm in seinen Weg ragten, ihn sanft streiften. Das Wasser auf den welkenden Blättern hinterließ dunkle Sprenkel auf seinem Anzug. Und als sich die Büsche lichteten, wand sich der kleine Pfad noch ein Stückchen weiter, über einen Hügel, und verschwand dann nach unten.

Da schoss der Fluss entlang. Sein Herz schlug. Einmal muss es aufhören. Den Sinn erhält der erste Schlag davon, das ein letzter kommen wird.

Edgar trat auf den Buckel, den das Land aufwarf. Einige Schritte unter ihm rauschte das Wasser wild, wie jung, spielend, neckend, bald schäumend um Felsen und Brocken, schnaubte an den Rand seines Bettes.

Edgar trat die Schritte hinab und stand am Rand des schäumenden Gewässers. Die feinen, dunklen Herrenschuhe waren von einigen Sandkörnern hell getupft. Schmal ging Edgar in die Hocke und seine Hand hing in das Wasser, das eiskalt seine Haut zu einer dünnen Membran werden ließ. Trotzdem war er wie starr, die Hand im Kalten, den Blick auf das Weißwasser gerichtet, in dem schäumende Pferde davonstoben, nur um Platz für die nächsten, wilden Scharen zu machen.

Nur die kleine Bucht, an der Edgar stand, war ruhig, lud ein in den Fluss zu steigen.

In alten Zeiten hatten die Menschen sich davon erzählt, dass die Flüsse reinigen, dass ihr Wasser sanft davon trägt, was Unheil und Krankheit, was drohender Tod gewesen sein mag. Und Heilung nur dann erreicht ist, wenn das fortgespült, was von abgeschütteltem Siechtum übrig blieb. Die weißen Frauen und die Scharlatane, die Schröpfer und Pillendreher, die Doktoren der feinen Gesellschaft und die sich kümmernden Mönche, alle waren sie immer an diese Stelle am Fluss gekommen. Dem Wasser wurden Eiter und Verbände, Auswurf und geschröpftes Blut, Fäkalien und Schienen überlassen.

Fortgespült um dem Vergessen zu überantworten, was so viel Leid brachte.

Mit ruhiger Bestimmtheit entledigte sich Edgar seiner Kleidung; sorgfältig legte sie auf einen großen Quader in die Sonne. Dann stieg er ohne Erbarmen in das eisige, rauschende Wasser.

Die Kälte ließ ihn aufheulen. Seine Hoden zogen sich zusammen, die Haut spannte sich wie dünnes Papier über seinen ganzen Laib – tausend kalte Eisen durchgetrieben -, das Wasser wie ein Kokon. Das Rauschen erfasste ihn und er trieb hinab, entging knapp einem Felsen, ging kurz unter. Der Fluss rauschte gleichgültig. Edgar schnellte aus dem Wasser, das Haar hing ihm ins Gesicht, japsend spukte er Wasser, johlte etwas, ein Wort, einen Schrei, einen Jubel – und wurde von schäumenden Wasser erfasst wie ein Blatt im Sturm.

Nach einer großen Biegung, erschienen die hohen Spitze der Berge hinter den Bäumen. Die weißen Pferde und Fratzen aus Gischt verging in sanftes Strudeln; hell, in klarem Blau nahm sich der Fluss sein Bett. Mit entschiedener Kraft trieb er den Körper, den er umschloss, hinab; bis auf den Grund sah Edgar. Seine Füße im eiskalten Blau konnten den Grund berühren, streckte er sich. Im Vorbeigleiten berührte er einen runden Stein, der kurz und träge ein wenig unter Wasser rollte und wieder zum liegen kam.

Edgar hatte den wilden Lauf überstanden. Die Kälte trat zurück. Der Fluss trug ihn, schnell, aber gleichmäßig; vorbei an den letzten Häusern, dem Wald entgegen, der an den grünen Rändern des Flusses begann. Die Wipfel rauschten sanft und einige Blätter fielen in das durchsichtige Wasser.

Edgar machte einige Schwimmzüge und und brachte sich in die Mitte des Flusses, drehte sich vertrauensvoll auf seinen Rücken. Den Blick nach oben, trieb er dahin. Ein Vogel durchkreuzte den blauen Himmel, in Richtung eines Wolkenbergs. Edgars schlanke Gestalt war jede Anspannung genommen. Sein Geschlecht, seine Beine, seine Armee, glitten immer wieder sichtbar zur Wasseroberfläche, hielten sich natürlich im Gleichgewicht. Sein Blick war klar und ruhig.

Der Fluss nahm eine weitere Biegung und wurde tief und ruhig, von dunklem Grün. Und ohne ein Geräusch, ohne, dass es einen Moment des besonderen Ereignis gegeben hätte, verschwand Edgars Körper im Wasser, nach unten, zuerst blasser werdend, dann ganz und gar fort, so dass nur das träge Grün blieb.

Am Ufer hatte ein Alter Baum sein Haupt müde geneigt und einige Äste ragten ins Wasser, in ewiger, nie ausführbarer Vorwärtsbewegung gefangen. Die Wurzeln des Baumes entstiegen der Erde und krallten sich an einen Felsen, der trotzig seine alte, bemooste Haut aus dem Fluss aufhob.

Edgars Hände griffen aus dem dunklen Grün an den Fels. Zwei körperlos Arme. Krallend hielt er sich fest und zog seinen nackten Körper hinauf. Haut auf Stein, das Moos war weich.

Dann saß er dort. Die Sonne fiel durch das Blätterdach. Auf seiner Haut perlte das kalte Wasser. Er öffnet den Mund. Alle Worte waren ihm entwichen, alle Geschichte. Kein Mythos, kein Überzeugung.

Vögel stiegen auf – vielleicht erzählten sie sich vom Tag an dem Edgar die Idee der Geschichte, von Linie und Bau verlor:

Es saß ein nasser Mensch auf einem Stein und trank die Wärme der letzten Herbstsonne.

Edgar Stein wurde zwei Tage nachdem er auf dem Stein gesessen hatte von einer Polizeistreife in seinem Atelier aufgesucht. Frau und Sohn hatten sich Sorgen gemacht, er hatte Termine verpasst, war nicht erreichbar gewesen und auch in seinem Sportclub nicht aufgetaucht.

Die Polizei konnte aber nichts weiter feststellen, meldete aber, dass Edgar Stein nicht verschwunden sei. Aber auf gewisse Weise irrte man sich.

Lilia fand ihren Mann nicht wieder. Edgar wusste alles, kannte sie, aber er konnte nichts mehr von dem aufrechterhalten, was er einmal gewesen war. Etwas schien an ihm zu fehlen; er verstand seine eigene Firma nicht mehr, das Band zwischen den Meilensteinen, die er geschaffen hatte, die Verbindungen zu Menschen, die er nie gesehen hatte, die aber Teil des Stein Imperiums waren, all die Verflechtungen und die fundamentalen Erzählungen, die einmal aus ihm gekommen waren – verschwunden als würde man nach Tropfen aus einem Fluss im weiten Ozean suchen.

„Stein&Stein“ begann zu zerbrechen. Eine Notiz im Wirtschaftsteil.

Als Edgar Stein vor der Öffentlichkeit in die Einsamkeit und schließlich in den verwirrten Selbstmord floh, reihte sich diese Nachricht ein. Zuerst waren auch dies nur Randnotizen. Kurze Meldungen.

Als ein Attentat in der Hauptstadt nicht durchgeführt wurde, weil der junge Mann die Geschichten seiner Anführer vergessen hatte und damit auch den Sinn seiner Aufgabe, die sich in selbst gebauten Sprengsätzen um seinen Leib manifestiert hatten, begann die globale Gemeinschaft ihre Aufmerksamkeit auf das seltsame Verschwinden der Geschichten zu lenken.

Das Erschrecken kam, als Menschen mit Macht, in wichtigen Positionen, religiöse Führer, Konzernleiter, die in der Öffentlichkeit standen, Politiker und Kriegsherren den Sinn ihrer Geschichten verloren und die Zügel losließen.

Die Fälle häuften sich. Das Vergessen wurde immer größer.

Flugzeuge stürzten vom Himmel, Fabriken verwaisten, Züge standen still, das Internet wuchs nicht weiter, Menschen konnten nicht mehr mit mehr Menschen interagieren, als sie sich Gesichter merken konnten.

Unsere Fähigkeit, die uns überleben machte und uns die Geschichte erfinden ließ, wir seien die Krönung der Schöpfung – sie verschwand. Und die Erkenntnis, dass wir keine Krone sind, sondern verwoben, keine Herrscher, sondern Teil dieser Welt, dieser Tiere, dieser kosmologischen Momente, die sich genau zu uns hin entwickelt hatten um sich dann weiter zu entwickeln, diese Erkenntnis trat nie ein.

Wir hielten weiterhin unsere gesprochene Krone fest. Sprachen weiterhin als Herrscher und Bändiger, Bezwinger und Privilegierte.

Vom Ende der Welt wurde gesprochen und geschrieben. Von dem Untergang der Welt. Das Chaos wurde immer größer. Religionen versuchten die Ereignisse in ihre Erzählung zu integrieren, Halt, Trost oder den gerechten Zorn zu spenden; Wissenschaftler suchten fieberhaft nach Erklärung und Heilung, nach einem Modell des Verstehens. Die Politiker entwickelten Strategien, jene die gewählt werden sollten, erzählten ihre Geschichte, was sie tun würden um die verängstigten Menschen hinter sich zu vereinen, während versprengte Randgruppen ihre Stunde gekommen sahen und die verwirrten und alleingelassenen hinter sich sammelten.

Und dann verstummten auch diese Geschichten, die sich wegen der Ereignisse gebildet hatten.

Die großen Gemeinschaften zerbrachen. Die großen Unternehmungen verstummten. Langsam kam alles zum erliegen.

In dem Moment, da wir gezeugt werden, da Samen und Ei sich vereinen, beginnen wir. Ein Prozess. Ein Anfang eines Wunders aus exakten Gegebenheiten – das einem Ende entgegen sehen muss um diesen Anfang zu wagen. Ein erster Herzschlag meint, dass es einen letzten gibt.

Der Fluss entspringt und vergeht vergeht im Ozean. Und Edgar und dieser erste Moment, war vergessen im Meer der Ereignisse.

Der Fluss spült um den Felsen, der sein Haupt aus dem grünen Tiefen hebt.

An diesem Felsen trafen sich früher die Menschen um dem Fluss die Asche derjenigen zu übergeben, die in das Reich der Toten fuhren; eine Verbindung zwischen den Welt. Der Stein als Zeichen der Stelle, an der das fließende Gewässer den Übergang zu einer anderen Welt darstellt. Menschen kamen hier zusammen, um sich gemeinsam zu verabschieden, zu Trauern; Riten verbanden sie, selbst wenn sie sich nicht kannten, die Gemeinschaft wuchs und die Bedeutung wurde von Mund zu Ohr weiter und weiter gegeben.

Bis der Mythos dieser Gemeinschaft verschwand. Eine große, globale Geschichte, die wir uns immer wieder erzählten und die nun verblasst.

Es ruft ein Vogel im Wind. Der Fluss ergießt sich ins Meer und das Wasser vereint sich um aufzusteigen, zu jenen Wolken, die dem fliegenden Freund ein weißer Berg sein mögen. Wer mag sich schon erinnern?

Die Welt wird bleiben. Nur wir überqueren den Fluss. Und dann ist es ein Fels und ein Fluss, auch immer noch. Es wird nur eine weiße Seite bleiben.

Wer untergeht, der hinterlässt die Welt.


Erzähler: Felix Benjamin
Lilia/Stimme: Anja Gmeinwieser
Edgar: Chris Bellaj
Vater: Arthur Roscher

Musik:
Kai Engel
Jared C. Balogh
Daniel Birch

Gymmick: Hornhaut

Ich hab mich schon seit Tagen nicht mehr rausgetraut
Dabei bin ich eigentlich mutig und erwachsen
Aber hast du heute schon mal aus dem Fenster geschaut?
Dann beeil dich mal, bald sind sie zugewachsen.

Die Straßenbahn kann nicht mehr fahrn seit Donnerstag
Und der Krisenstab tagt jetzt auch nachts
Und so seltsam es sich anhören und erst ausschauen mag:
Es scheint, als als wäre dies der Menschheit letzte Schlacht.

Alles voll Hornhaut
Ob man nach hinten oder vorn schaut
Überall Hornhaut.

Man sagt es käm Aus Tralien oder Portugal
Laut einer Brüsseler Analyse.
Aus welchem Land es stammt ist eigentlich längst egal
Fest steht: am Anfang war ein paar sehr kranke Füße

Die Landschaft schaut jetzt farblich wie ein Ferkel aus
Da wilde Hornhaut Feld und Flur befällt
Das ist der allergrößte aller Supergaus
Rosige Zeiten habe ich mir immer anders vorgestellt

Dermatologen logen, als sie meinten: „halb so wild.“
Jetzt sieht man sie auf n-tv sich verhaspeln
N24 zeigt derweil die Bundeswehr
Bei ihrem Einsatz an den Hornhautraspeln

Es gibt kein anderes Thema mehr im Bundestag
Die A9 wurd heut beidseitig gesperrt.
Das Militär plant ziemlich einen Gegenschlag
Es geht nicht weg ob man drauf schießt oder dran zerrt

Man warnte uns vor Viren oder Hurrikans
Vor Terror und vor Mafia-Fehden.
Vorm Klimawandel, Waffenhandel,
Mückenstichen, Möbelstücken,
Flüchtlingsfluten, Weizengluten,
Glyposaten, Unrechtsstaaten,

doch von Hornhaut hört ich niemand reden.

 

Untot in Gostenhof: (3) „Die große Angst“

Obwohl draußen finstere Nacht herrschte und die schweren schwarzen Vorhänge vor den beiden Fenstern sorgfältig zugezogen waren, tröpfelte von irgendwo her milchiges Zwielicht in das Schlafzimmer. Im Bett, das an der Wand stand, lagen Onkel Serban und der Schattenlose und hatten die dicken Daunendecken bis an die Nasenspitzen hochgezogen. Auch von Ida und Tante Mathilda, die sich im großen Ehebett gegenüber der einzigen Tür eng aneinander schmiegten, waren nur die Köpfe zu sehen. Alle vier schwiegen sie und starrten gebannt auf den Ziegenschädel, der über dem Türbalken an die Wand genagelt war; eine angstvolle Anspannung schwebte fast greifbar im Raum. Plötzlich ließen drei harte Schläge an der Tür die Liegenden heftig zusammen zucken. Onkel Serban riss sich zusammen und fragte mit belegter Stimme:

»Wer da?«

»Ich bin’s, Vladimir. Lasst mich hinein!« lautete die Antwort.

»Es ist offen«, rief Serban.

Ein schwarz gekleideter Mann, um dessen dürren Schädel sich ein verfilzter Haarkranz wand, trat hastig ein. Von seinem Rock rieselte leise Staub, ein intensiver Geruch nach Moder breitete sich rasch aus.

»Wo warst du so lange?« zischte Ida. »Wir haben uns bereits Sorgen gemacht!«

»Tut mir leid«, krächzte Großonkel Vladimir, »ich bin noch einmal eingeschlafen.«

»Wir haben keinen Platz mehr in den Betten«, jammerte Tante Mathilda. »Wo soll Vladimir bloß hin?«

»Ich setze mich einfach in den Schrank«, sagte Vladimir gelassen und verschwand lautlos in Mathildas wuchtigem Kleiderschrank.

Wieder wurde es vollkommen still im Raum, und vier Augenpaare starrten auf die gehörnte Schädelplatte über der Tür. Es schien eine halbe Ewigkeit zu dauern, bis Mathilda es nicht mehr aushielt.

»Jedes Jahr das gleiche!« brach es aus ihr heraus. »Irgendwann ertrage ich das nicht mehr!«

»Immer mit der Ruhe«, sagte Serban und bemühte sich, seine Worte ruhig und fest klingen zu lassen. »Wir haben es bisher noch jedes Mal überlebt, und auch dieses Jahr werden wir es wieder schaffen.«

»Und wie war das damals, als ihr euch drei Tage lang in dem Sarkophag des Bischofs verstecken musstet?« fragte Ida, und in ihrer Stimme mischten sich Angst und Vorwürfe. »Als alle Einwohner des Dorfes nach euch suchten, und sie mit Fackeln in jeden Keller stiegen?«

»Weißt du, wie lange das her ist?« verteidigte sich Serban.

»Mir kommt es so vor, als wäre es gestern gewesen«, wimmerte Mathilda und zog die Decke endgültig über den Kopf.

»Und als die jungen Burschen mit Hammer und Eichenpflock über den Berg kamen, weil sie meinten, ihren Mut beweisen zu müssen?« ergänzte der Schattenlose. »Onkel Drago hatte damals unverschämtes Glück, dass sie ihm nur ein Loch in den Wams bohrten!«

In diesem Moment näherte sich auf der Straße, von den Vorhängen kaum gedämpft, das Geräusch eines Dieselmotors. Ein Auto hielt direkt vor dem Haus, zwei Türen wurden geöffnet und wieder in Schloss geworfen. Alle hielten den Atem an. Schritte waren zu hören, eine Stimme rief etwas unverständliches. Erst, als sich das Motorengeräusch längst wieder entfernt hatte und die Welt draußen wieder in tiefes Schweigen gefallen war, atmeten die vier eingemummten Gestalten vorsichtig auf.
Diesmal bracht der Schattenlose, der bisher mucksmäuschenstill seinen roten Haarschopf ins Kissen gedrückt hatte, das Schweigen.

»Verdammt! Verflixt und zugenäht«, schimpfte er.

»Das macht mich echt fertig! Da!« flüsterte Ida mit erstickter Stimme. »Sie kommen wieder! Hört ihr?«

Tatsächlich hörten alle ein schnarrendes Geräusch, dessen Ursprung sich nicht ausmachen ließ.

»Ein Motor ist das nicht«, sagte Serban.

Alle lauschten gebannt auf das Brummen, das scheinbar immer lauter wurde, je länger sie angestrengt lauschten.

»Es ist Onkel Vladimir«, verkündete auf einmal Ida. »Er schnarcht.«

»Das ist doch zum Kotzen!« murrte der Schattenlose.

»Man könnte sagen: eine einzige Speisal!« kicherte Ida.

Nach kurzer Zeit begann Mathilda, zunächst nur leise und dann immer lauter zu lachen und endlich stimmten auch Serban und der Schattenlose in den Heiterkeitsausbruch ein. Da erklang plötzlich ganz nah der Schlag einer großen Glocke. Gewaltig dröhnte die tiefe Schwingung in dem kleinen Zimmer wie in einem Resonanzboden, und abrupt verstummten die vier. Immer mehr Glocken begannen zu läuten, von überall her dröhnten die Schläge, bis die Luft förmlich Wellen schlug wie ein Blech, an dem ein Zirkushühne rüttelt. Ida und Mathilda, Serban und der Schattenlose zogen die Bettdecken über den Kopf und verharrten in angstvoller Starre. Dann, anfangs fast unmerklich, ebbte der Klang der Glocken wieder ab, nach und nach verstummten sie, bis es schließlich wieder vollkommen still in der Welt außerhalb des Zimmers war.

»Geschafft!« schrie da Ida und sprang aus dem Bett. Sie hatte komplett angekleidet unter der Decke gelegen. Aus einer der Taschen ihres schwarzen Kleides fischte sie hastig eine Zigarette und zündete sie sich an. »Wir haben es geschafft!« rief sie.

»Dem Teufel sei es gedankt!« seufzte Mathilda stand ächzend auf.

»Seht ihr«, sagte Onkel Serban und zog knirschend seine Stiefel an. »Wie ich es gesagt habe: der Ostersonntag kommt und geht, ohne dass uns jemand belästigt hätte…«

»Und Großonkel Vladimir?« fragte der Schattenlose.

»Der kann weiter im Schrank bleiben«, sagte Tante Mathilda. »Es reicht, wenn er sich morgen wieder in seinen Sarg im Keller verzieht. Wir trinken jetzt als erstes einen Likör, würde ich sagen, zur Feier des Tages den besten Blutbeerenlikör westlich der Karpaten.«


 

Erzähler: Carsten Striepe
Ida: Julia Gruber
Onkel Serban: Moses Wolff
Tante Mathilda: Verena Schmidt
Der Schattenlose: Philipp Abel
Onkel Vladimir: Arthur Roscher

Regie/Schnitt:
Andreas V. Weber
Titelmusik:
Andreas V. Weber